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Pastor Philip Graffam
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde, können Sie sich noch erinnern, wie Sie die Adventszeit erlebt haben, als Sie Kind waren? Vielleicht verklärt sich manche Erinnerung im Laufe der Jahre, doch ich erinnere mich gerne an die Adventszeit zu Hause zurück: An die Plätzchen, die meine Mutter buk und die durch das ganze Haus dufteten. Ich erinnere mich an das Singen bei Kerzenschein jeden Adventssonntagabend, an die Spannung beim Öffnen einer jeden Tür im Adventskalender, an die Basteleien, wenn wir Sterne für die Fenster schnitten und jeden Adventssonntag kam etwas an Schmuck dazu. Ich erinnere mich an das wohlige Gefühl, wenn Advents- und Weihnachtslieder von der Schallplatte klangen oder meine Mutter sie auf dem Klavier spielte. Ein wohliges Gefühl.
Ich merke, dass ich diesbezüglich eine behütete Kindheit hatte. So ein bisschen ist es uns als Eltern vergönnt, diese Zeit durch unsere Kinder noch einmal mitzuerleben. Aber ich merke trotzdem, dass es mir kaum noch gelingt, diese Zeit so intensiv zu erleben wie damals als Kind. Zu vieles bewegt und belastet mich nebenher. Die Arbeit und alles was mit ihr zusammenhängt, persönliche Beziehungen und Sorgen, die kleinen und großen Alltäglichkeiten. Ich merke, wie ich mich zurücksehne nach der Zeit als Kind, nach der Harmonie.
Doch alles Sehnen in mir vermag es nicht, die feierliche, fast mystische Stimmung herbeizubeschwören, denn zumeist sehen meine Adventstage heute anders aus. Wenn es schneit, freue ich mich kaum, denn ich weiß, dass neben der täglichen Arbeit die weiße Pracht weggeschippt werden muss. Die Abende sind weniger mit Weihnachtsliedersingen gefüllt, als vielmehr mit Arbeit, Gemeindeveranstaltungen, Müdigkeit. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir, wenngleich aus anderen Gründen.
Die Adventszeit in diesem Jahr ist noch einmal ganz anders. Sie ist vom Abschied geprägt. Natürlich – dass muss ich offen zugeben, freue ich mich aufs Neue – aber dennoch ist der Schmerz des Abschied zu spüren. Ein Teil meines Leben, ein wichtiger Teil dazu geht nun zu ende.
Es tut gut sich mal seiner Kindheit, seiner Herkunft zu erinnern. Der Blick zurück kann uns helfen. November 1997. Ich betrete das erste Mal die Lassaner Kirche und bin erstaunt über die Schönheit dieses Gebäudes. Ich schaue mich um und entdecke im Turm eine transportablebe Bühne – da wusste ich, - hier bist du richtig.
Und so schaue ich mit ähnlicher Sehnsucht auf 13 Jahre als Ihr Pfarrer in Lassan zurück. Das Glockenfest, die Weihnachtsmärkte, Martinstag, die großen und kleine Aufführungen der Theatergruppe, die vielen Gottesdienste, gute Gespräche, Trauerfälle, die Pfarrhaus-Sanierung – alles fängt schon an sich zu verklären und ich ertappe mich dabei, dass die Sehnsucht nach solch heilen Tagen und Momenten wieder Besitz von mir ergreift.
Als ich mich mit den Texten für diesen Sonntag beschäftigt habe, ist mir aufgefallen, dass es in keinem der Texte darum geht, eine gemütliche, harmonische Zeit zu haben. Unseren Glaubensvätern, welche die Bibeltexte für diesen 3. Advent ausgesucht haben, stand vermutlich etwas ganz anderes für diesen Tag vor Augen. Nicht umsonst war die Adventszeit in jenen Tagen nicht von Schlemmereien und süßen Düften geprägt, sondern vom Fasten und Buße tun.
Adventszeit ist eigentlich Fastenzeit. Die violette Farbe der Paramente und meiner Stola weisen uns darauf hin. Mit Fasten wollen sich die Menschen auf die Ankunft Gottes in unserer oft so zerrütteten Welt vorbereiten. So wird denn auch in den Texten für den heutigen Tag immer wieder davon gesprochen, dass wir in einer gebeutelten Welt leben.
Aber es wird eben auch von der Hoffnung geredet, dass Gott kommt und Veränderung schafft. Und es wird davon gesprochen, dass wir uns im Warten vorbereiten sollen auf den, der kommt; darauf, was er tun wird. Unser Predigttext steht im Lukas Evangelium im 3. Kapitel: Es ist der Täufer Johannes, der zu uns spricht. Es ist ein Teil seiner großen Bußpredigt.
So sagt Johannes der Täufer: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«
Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«
Sehen. Hinsehen. Adventszeit ist eine Betrachtungszeit. In den drei Wochensprüchen der ersten drei Adventssonntage werden wir aufgefordert hinzusehen; genau hinzusehen. Zur Vorbereitung auf das, was kommen wird. Und in seiner Bußpredigt (Lukas 3,1-14) spricht Johannes es konkret an: „Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“ Den Heiland Gottes sehen!
Voll geladen mit Erwartungen sind die Wochen vor Weihnachten: Kinder wünschen sich Geschenke, Ältere vielleicht den Besuch ihrer Kinder, und allenthalben wird ein harmonisches Fest in der Familie gewünscht. Hinter all dem steht wohl auch der Wunsch, dass das Leben heil sein kann und schön, der Wunsch nach gelingendem Leben.
Der große Brand am Freitagmorgen reißt uns aus der Heilen-Welt-Träumerei heraus. Ein Bruch in der Gemeinschaft unserer Stadt, der uns tief und nachhaltig berührt. Fragen treten auf und immer drängender wird die Frage nach dem „Warum?“ Und ausgerechnet noch so kurz vor Weihnachten. Das passt doch irgendwie nicht – nichts zu erkennen von ebener Bahn und einer Wegbereitung, die uns das Heil Gottes sehen lässt.
Damit das Leben heil sein kann, mahnt Johannes zur Buße – zur Umkehr. Er ermahnt uns, darüber nachzudenken, wo unser Anteil, wo mein Anteil sein kann, dass eine Welt heil sein kann. Johannes selbst ist nicht der Messias, nicht der Heiland. Aber seine Predigt dient dazu, den Menschen auf dessen Ankunft vorzubereiten. Johannes zeigt uns die wahre Bedeutung der Ankunft Jesu Christi, den Grund, warum wir Weihnachten feiern. Ich lese weiter:
Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!
Johannes Worte wirken radikal und sind doch konkret in der Vorstellung, wie Umkehr, Buße aussehen könnte.
Sie vertrösten nicht; versuchen mir auch keine heile Welt vorzugaukeln. Das hätte jetzt auch wenig Sinn, zu tief ist der Schock des vergangen freitags.
Und dennoch treffen sie mich tief ins Herz, denn damit etwas wieder heil werden kann, bedarf es meines Dazutuns.
Meiner Bereitschaft sich auf Gottes Weg einzulassen.
„Das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.“ heißt es in dem schönen Adventslied: „Es kommt ein Schiff geladen.“ So also kommt Gott und bringt, wonach wir uns sehnen. Sanft, in Liebe.
Die große Hilfsbereitschaft, die wir gleich nach dem furchtbaren Brand in unserer Stadt erleben durften, zeigt schon in diese gute Richtung. Der unermüdliche und verantwortungsvolle Einsatz der Feuerwehrleute tut ähnliches.
Natürlich können wir durch Spenden die Sache nicht wieder gut machen; natürlich den Kindern nicht den Vater zurückgeben; aber hinsehen – Anteil nehmen – das ist schon sehr viel.
Unsere Gesellschaft, wir Menschen hoffen oft auf andere Lösungen. Oft wird einer anderen Macht, einer Macht mit mehr Geschwindigkeit und mehr Gewalt zugetraut als der sanften Gewalt Jesu: „ Da muss doch einer was tun!“ sagen wir dann schnell und schieben gleich die Verantwortung beiseite. Aber dazusitzen und auf die große Lösung von oben zu hoffen, bringt nicht viel. Es gibt keinen Überstaat, keine Führerperson, kein allumfassendes Gesetzt, die das schaffen kann. Alle Versuche dies zu installieren, haben die Menschen noch tiefer in Schuld und Brüchen des Lebens gedrückt.
Frieden und Gerechtigkeit können nicht herbei gezwungen werden. Sie können sich nur langsam aufbauen – aufbauen, in dem wir hinsehen und Anteil nehmen – immer wieder.
In dem wir uns immer wieder vom Schicksal unserer Mitmenschen berühren lassen.
Die Ungeduld angesichts von Brüchen und Unfrieden kann ich nachvollziehen, so wie den eher hilflosen Wunschtraum einer alles ordnenden Gewalt. Aber die Welt wird sich nur verändern, wo Menschen sich verwandeln lassen – und zwar durch Liebe - durch die Liebe Jesu. Durch Hinsehen und Anteil nehmen.
Johannes und seine Bußpredigt sind nicht das Ziel. Und wir müssen auch damit leben, dass unser Dazutun immer nur ein kleiner Schritt ist. Aber wenigstens ein Schritt. Johannes zeigt nur die Richtung. Johannes ist die Weiche auf dem Weg – auf dem Weg zu Jesus und seiner Liebe.
Und die Liebe Jesu geht über das Leben hinaus in den Tod und seine Auferstehung.
Weihnachten feiern wir seine Geburt. Weihnachten lässt uns einen kurzen Blick auf sein Heil werfen. Die Hoffnung und das Zutrauen auf ihn weisen auf seine Liebe hin, die in dieser Welt und hoffentlich auch in unserem Leben sichtbar wird.
„Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“ In dieser Gewissheit können wir leben, und nicht nur in den Tagen des Advents: Unsere Sehnsucht nach Glück und gelingendem Leben, unsere Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit laufen nicht ins Leere: In Gottes Gnade, in Jesu Liebe und in der Kraft des Heiligen Geistes kommen sie einmal zur Erfüllung.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, AMEN.
Lied: Es kommt ein Schiff geladen EG – 8,1-6
CHOR
Fürbitte und Vaterunser
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