Predigt zu Apg. 2,1ff  - Pfingstsonntag in Lassan

Liebe Gemeinde,

wir habe als Epistel-Lesung die Pfingstgeschichte gehört mit dem Sturmwind im Haus und dem Staunen der Leute aus vielen Ländern, dass sie verstehen, was die Jünger sagen.

Kann man das glauben?, was Lukas da erzählt? Kann man das glauben, dass sie Jünger plötzlich in Sprachen sprechen, die sie nie gelernt haben? Die Jünger Jesu stammen doch alle aus Galiläa und sind ganz sicher nicht weit in der Welt herumgekommen.

Liebe Gemeinde, ich war in diesem Jahr 1 Woche in der Türkei, von Rostock-Laage nach Antalya, und dann eine Rundreise an die Westküste, nach Ephesus und von da aus wieder in Richtung Osten nach Laodicea, Hierapolis und schließlich nach Perge. Das ist das Gebiet von Phrygien. Zwar ist der Apostel Paulus dort durchgewandert, aber von den Jüngern Jesu wohl kaum einer. Und doch können die Leute aus Phrygien und Ägypten, von Kreta und aus Rom jeweils in ihrer Muttersprache verstehen, was die Jünger sagen und meinen. Kann man das glauben?

Liebe Gemeinde, ich glaube, Lukas will anschaulich machen, dass Menschen einander verstehen können, und das das eine Auswirkung von Gottes Geist ist. Denn, wo Menschen vom Geist Gottes erfüllt werden, da geschieht das Wunder vom Verstehen.

Erleben wir solch ein Wunder auch? Gelegentlich ?

Verstehen sich z.B. Frauen und Männer, die doch dieselbe Muttersprache sprechen? - Ja, sicher, aber oft genug redet man an einander  vorbei. Ja, sicher, aber manchmal hat man das Gefühl, das gegenüber versteht mich nicht, obwohl wir dieselbe Sprache benutzen. Oder ich verstehe mein Gegenüber nicht.

Sie werden dies aus eigener Erfahrung wissen. Aber, und das gibt es Gott sei Dank auch, dass man sich wirklich versteht. Dass ich mühelos begreife, was mein Gegenüber meint. Und es gibt Verstehen auch ohne viele Worte, ja man kann sich auch ganz ohne Worte verstehen, mit Blicken; oder wenn Liebe im Spiel ist, da gelingt es , einander zu verstehen.

Verstehen sich z.B. Eltern und Kinder? Verstehen wir als Eltern immer die Lebensentscheidungen unserer Kinder?, die Berufs- oder Partnerwahl?  Ich gestehe, das ist nicht immer leicht, zu verstehen und zu akzeptieren und mit zu tragen, wie die eigenen Kinder  sich entscheiden! Weil man selbst etwas anderes besser und richtiger fände! Und umgekehrt ist es ja gewiss auch nicht anders, dass die Kinder uns als Eltern auch nicht immer verstehen. Und doch gibt es diese wunderbare Erfahrung, dass Verstehen gelingt. Und das ist nicht eine Frage vom Gut hören können. Es ist eine Frage des Vertrauens. Und damit können sogar Missverständnisse ausgeräumt und überwunden werden.

Liebe Gemeinde, die Reihe der Beispiele lässt sich beliebig fortsetzen: Verstehen sich Kollegen / Kolleginnen, die mit einander arbeiten?

Verstehen sich Geschwister? Verstehen sich Christen untereinander, Katholiken und Evangelische, Baptisten und Evangelikale, Orthodoxe und Freikirchler? Verstehen sich Gläubige und Atheisten?, Ostdeutsche und Westdeutsche?

Aus den je eigenen Erfahrungen werden Sie wissen: Es gibt Missverständnisse, es gibt Unverständnis, es gibt innerhalb derselben Muttersprache auch die Erfahrung, dass dieselben Worte verschieden gemeint sind; manchmal ist das geradezu ausgeklügelt, z.B. bei Reiseprospekten oder bei Beurteilungen. - Aber, es gibt auch die wunderbare Erfahrung, dass man einander versteht, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Es gibt die gute Erfahrung von Nähe, die man selber nicht machen kann, sondern die wie ein Geschenk ist; da kommt keine Fremdheit auf, sondern Gemeinsamkeit ist da im Denken und Fühlen. Und wo wir das erleben, da ist das eine Auswirkung des Geistes Gottes, und die ist beglückend.

Ich möchte ein Beispiel erzählen, wo ich selbst gespürt und erlebt habe: Hier ist der heilige Geist Gottes am Werk. Das war 1988 und in den Jahren danach und bis heute. Wir hatten in meiner damaligen Gemeinde Begegnungen mit Menschen aus Holland, aus der Nähe von Eindhoven. Und schon beim ersten Treffen war eine tolle Nähe spürbar, und die blieb über viele Jahre erhalten und gilt bis heute. Wir haben von beiden Seiten diese Verbundenheit als ein Wunder erlebt. Wir haben uns einmal im Jahr getroffen, und es gab nie Fremdheit. Wir haben über viele Themen gesprochen und gemeinsam gefeiert. Wir waren im Anne-Frank-Haus in Amsterdam und in Ravensbrück. Ehemals verfeindete Völker, wo es schreckliche Dinge gegeben hat; und wir haben das Wunder von Versöhnung, von Vergebung, von Verstehen erlebt. Denn wirkliches Verstehen mit Herz und Seele hängt nicht an Vokabel und nicht an Grammatik. Wirkliches Verstehen, was mich berührt und öffnet, wo Gemeinschaft entsteht auch über viele Verschiedenheiten hinweg - wirkliches Verstehen geschieht durch Gottes Geist und durch die Sprache der Nächstenliebe. Der Geist Gottes bewegt nicht die Äste der Bäume, er bewegt unsere Herzen und Sinne. Und der Geist Gottes  weht nicht in den Wolken, sondern weht auf der Erde und in unserem Leben. Er öffnet uns für einander. Und es ist die Geisteskraft Gottes, die Frieden stiftet und Versöhnung möglich macht. Es ist die Geisteskraft Gottes, die Gräben zuschüttet und Mauern einreißt, die Verhärtungen aufweicht und zu Veränderung Mut macht. Sie gibt Raum für Visionen von Zukunft und überwindet alles Kleinkarierte. Die Geisteskraft Gottes setzt Hoffnung frei und weist Resignation in die Schranken.

Liebe Gemeinde, überall wo Verstehen gelingt und Menschen auf einander hören und einander die Hände reichen, da geschieht Gottes Geist unter uns. Auf diese Geistesgegenwart Gottes lassen Sie uns achten und darauf bauen. Amen.

Rudolf Dibbern