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Philip Graffam
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt
euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. 10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Liebe Gemeinde,
Gott sorgt sich um uns, er sorgt für uns. „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch!“ Vielen ist dieses Wort Trost und gib ihnen Kraft, manch einem seit der Taufe gar oder der Konfirmation. Befreiend ist dieses Wort dem, der es probiert und erfährt: Sorgen, und seien sie noch so groß und schwer, gehören Gott. Er sorgt. Er entsorgt – für uns. Wem immer es gelingt, in diese Bewegung hineinzufinden, und seine Sorgen auf Gott zu werfen, der erfährt, dass dieses Wort trägt, sich bewahrheitet, sich bewährt im Alltag. Der Reformator Martin Luther hatte viele Sorgen, nicht nur mit seiner Kirche, sondern auch ganz persönlich, in seinem eigenen Leben. In seiner ihm eigenen drastischen Ausdrucksweise sagt er einmal zum Thema Sorgen: „Wer ein Christ sein will, der lerne doch solches glauben, dass er sein Herz mit seinen Sorgen Gott auf seinen Rücken werfe; denn er hat einen starken Hals und Schultern, dass er es wohl tragen kann...“
Sein Herz mit allen Sorgen Gott auf seinen Rücken werfen - was heißt das denn? Was bedeutet dieses Bild konkret? Können Sie sich Gott so menschlich denken? Und dann: Wollen Sie so einer sein, der sich das nachsagen lassen muss, dass er einem anderen, und dieser Andere ist Gott selbst, etwas aufgeladen hat, etwas angehängt hat, ihm – so würden wir heute vielleicht sagen – buchstäblich in den Rücken gefallen sind mit Ihren Sorgen?!
Luthers Wort provoziert, ärgert, irritiert. Denn so egoistisch will doch keiner von uns sein. Ich bin gestolpert über dieses Bild Luthers, wenn er sagt: „Wer ein Christ sein will, der lerne doch solches glauben, dass er sein Herz mit seinen Sorgen Gott auf seinen Rücken werfe; denn er hat einen starken Hals und Schultern, dass er es wohl tragen kann...“ Kann man so von Gott reden? Passt dieses Bild noch in meine Welt?
Ich möchte die Provokation ernst nehmen, die in diesen Worten steckt: Ich soll und darf mit meinen Sorgen so "egoistisch" umgehen, dass ich sie tatsächlich einem anderen hinwerfe, ihm damit regelrecht in den Rücken falle – das heißt für mich: In diesem Zusammenhang darf ich wirklich nur an mich denken und brauche nicht schon wieder darüber nachdenken, was das für den anderen bedeutet. Ganz egoistisch sein – der "Andere" kann es tragen, der "Andere" in diesem Bild gesprochen ist der Menschgewordene Gott. Luther provoziert mit seinem Bild – damit wir kapieren, wie wichtig es ist, ohne falsche Rücksichtnahme alle Sorgen auf ihn zu werfen.
Es heißt ja nicht: Kopf hoch! Nicht so schlimm. Wird schon wieder. Es heißt aber auch nicht: Finde dich ab. Schicke dich hinein in dein Schicksal, falle Gott damit nicht zur Last, so ist es nun eben bei dir. Sondern – und damit nähern wir uns auch dem, was mit dem Begriff Demut hier in diesem Abschnitt gemeint ist: Sei dir nicht zu schade dafür, mit Gott zu rechnen, wie klein oder groß dein Problem auch sei. In Psalm 55 heißt das: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn!“ Mit Gott kann ich alles besprechen. Zu ihm kann ich so kommen, wie ich bin. Und dann sage ich ihm, was mich beschäftigt, und was mir Sorgen macht. Der dauernde Streit meiner Eltern, der Stress in der Schule, meine Angst, wenn ich ein eine Aufgabe übernehmen muss. Ich kann das alles mit Gott besprechen."
Gott sorgt sich um uns, er sorgt für uns. Aber natürlich, ich weiß das, liebe Gemeinde, ziehen uns die Sorgen manchmal doch wieder runter. Die 40 Bewerbungen der Tochter, ohne Erfolg. Die Diagnose des Arztes letzte Woche, niederschmetternd. Die Prognosen für unsere Umwelt, der zerstörten und ausgeraubten Schöpfung, bedrohlich. Ich weiß.
Sorgen sind wie Fliegenfänger. Diese Klebrigen Dinger, die man an die Decke hängt um Fliegen zu fangen. Sorgen sind wie Fliegenfänger. Man hockt wie eine arme Fliege plötzlich auf ihnen fest, und kann sich nur schwer befreien. Manchmal ist schon ein gehöriger Ruck nötig, um loszukommen. Von den Sorgen. Weil sie an einem kleben wollen, einen festhalten wollen wie Fliegenfänger eben.
Wenn der 1. Petrusbrief uns heute morgen empfiehlt, dass wir die Sorgen „werfen“ sollen, dann heißt das, dass wir sie durch Abwarten und Teetrinken keineswegs losbekommen. Werfen, das ist schon eine Kraftanstrengung, und zum Werfen braucht man die Hände. In unserem Fall Hände, die sich auf die Kunst des Bündelns verstehen und sich falten können. Ich meine die Kunst des Gebets.
Im Gebet, liebe Gemeinde, ist der Platz, wo wir unsere eigenen und die fremden Sorgen gleichsam zum Paket verschnüren und einem anderen, Gott selber, aufladen dürfen. Wer wirft, muss zielen können. Er muss den vor Augen haben und bereit sein, sich an ihn zu wenden, der hier gemeint ist: Jesus Christus.
Indem die Sorgen Jesus Christus übertragen werden, bleiben sie sichtbar und werden nicht geleugnet. Sie werden aber so einem anderen anvertraut, damit sie uns nicht länger erdrücken. Wer immer es ausprobiert, ob am Morgen oder am Abend, im stillen Gebet oder mit anderen, im Tagebuch oder in einem Brief an Gott, am Bett eines Kranken oder Sterbenden, der wird den Trost erfahren, den dies Wort Unzähligen vor uns gegeben hat: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ Gott sorgt sich um uns. Gott sorgt für uns.
Sein Gegenspieler, so sagt es unser Predigttext heute, ist der Teufel. Der Durcheinanderbringer. Der Widersacher. Der Gegenspieler. Er, so heißt es hier in diesem großen rätselhaften Bild, er „geht umher wie ein brüllender Löwe, und sucht, wen er verschlinge.“ Geht’s dann doch zu weit? Wird jetzt auch noch der Teufel an die Wand gemalt und dann noch mit einem brüllenden Löwen verglichen? Fragliches Bild, oder?
Aber mal im Ernst liebe Gemeinde, trifft nicht die Bibel mit ihrer Rede vom Teufel als brüllendem Löwen viel klarer die Wirklichkeit als unsere oft verharmlosenden Worte über das oder den Bösen? Jedenfalls wird hier mit dem Bild vom Löwen deutlich, dass es durchaus Situationen gibt, in denen nicht nur unser Leben, nein, in denen sogar unser Glaube bedroht ist. Und das manchmal urplötzlich und wie aus heiterem Himmel. Für mich ist der Löwe hier das Abbild einer subtilen Macht im Leben eines jeden von uns, gegenüber der wir sehr wachsam sein müssen.
Der Löwe, das ist das Bild für die schleichende Gefahr, die nur der hört und sieht, der mit wachen Ohren und offenem, ungetrübtem Blick durchs Leben geht. Darum ermahnt der 1. Petrusbrief: Seid nüchtern, seid hellwach! Wer diese Haltung im Leben und im Glauben einnimmt, den wird der Widersacher, der lebenszerstörende und sorgenbringende Durcheinanderwirbler nicht überraschen, und der kann ihm auch ins Gesicht schauen. Und das ist dringend nötig.
Ist das nicht ein umherschleichender Löwe, der uns eintrichtern will, dass Stärke und Dominanz allein zählen in unseren Tagen?! „Starke Kinder“ – gute Deutsche - so hört man überall, das wollen wir. Wollen wir das wirklich, als oberstes Ziel, und was wird dann am Ende aus unseren Kindern?
Ist das nicht auch ein umherschleichender Löwe, oft unbemerkt, der uns einflüstert, Leistung und Erfolg seien die Garanten für ein glückliches Leben?!
Und wie ist das mit dem Löwen, der auf den Namen Reichtum und Wohlstand hört, und uns einschüchtert: Hast du nichts, dann bist du nichts? Auch ein solch umherschleichender Löwe, der gar nicht immer brüllt, aber immer bereit ist zuzuschlagen. Und uns einschüchtern will, damit wir unseren Kurs ändern und nach seiner Pfeife tanzen.
Und brüllt nicht der Löwe, die Atomkraftwerke müssen weiterlaufen, obwohl die Zeitbombe in den Salzstöcken tickt?
„Dem widersteht, fest im Glauben.“
Das ist, bildlich gesprochen, wie ein Löwendompteur im Zirkus. Er kann die Kraft und den Instinkt des Löwen nur unter Kontrolle halten, wenn der Dompteur immer im Augenkontakt mit seinen Löwen steht. Die Pfeife im Mund und die Peitsche in der Hand machen deutlich, wer hier nach wessen Pfeife tanzt.
"Dem widersteht, fest im Glauben." Wir werden das Böse nicht ausrotten, nicht die Gier, und nicht den Egoismus, nicht den Neid und nicht die Krankheit. Aber, so stellt sich offensichtlich der 1. Petrusbrief unser Widerstehen gegenüber dem Bösen vor: Hellwach und aufmerksam sehen und hören, wo Gefahr droht. Die Gefahr erkennen und ihr ins Auge sehen, damit sie nicht über uns herrschen kann. Verdrängen oder Wegsehen ist keine Lösung! Der Mut zu solchem Widerstand kommt aus dem Glauben und der Hoffnung, die in diesen wenigen Versen des 1. Petrusbriefes komprimiert zum Ausdruck kommt: „Der Gott aller Gnade,“ so heißt es da, „der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.“
Wer sich zu Christus hält, der wirft seine Sorgen ihm hin. Wird frei und geht erhobenen Hauptes. Der widersteht dem schleichenden Löwen, und geht wachsam und nüchtern durchs Leben. So kann er neu Verantwortung für sich und für andere übernehmen. Weil er von einer lebendigen Hoffnung angespornt wird: Der ewigen Gemeinschaft mit Jesus Christus. Angesichts solcher Hoffnung werden unsere Sorgen nicht weggewischt. Sie bleiben, aber sie herrschen nicht mehr über uns. Wir kleben nicht mehr an ihnen fest, sondern reißen uns los. Und wir tragen sie nicht mehr selbst, weil wir sie mit einem Streich, mit einer Handbewegung, indem wir die Hände falten, Jesus Christus hinwerfen. „Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“
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