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Predigt mit Epheser 2,17-22
13.06. 2010
Philip Graffam
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde
Was verbindet Menschen? Eine ganz einfache Frage, eigentlich. Menschen verbindet, zum Beispiel, eine gemeinsame Sprache: Ein Mensch, der meine Sprache spricht, kann sich mit mir verständigen. Ich verstehe die Worte, die er sagt, und die Gesten, die er dazu macht - und ich kann auf ihn angemessen reagieren. Umgekehrt: Wenn ich Gast in einem Land bin, in dem ich die Sprache nicht verstehe, fühle ich mich schnell fremd. Ich gehöre nicht dazu, weil ich mit den Menschen nicht über eine gemeinsame Sprache „verbunden" bin.
Menschen verbindet - zweites Beispiel - ein gemeinsames Interesse: Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn bei der Fußballweltmeisterschaft die Bilder von den Großleinwänden in den verschiedenen Länder kommen. 1000 stehen in den Farben ihres Landes vor der Leinwand und fiebern mit ihren Helden auf dem grünen Rasen, der in diesen Tagen die Welt bedeutet. Banker, Kellner, Arbeitslose, die Bürofrau .... sie alle sind verbunden durch die Hoffnung, dass ihr Land gewinnt. Und mehr noch – obwohl sie sich nicht sehen, sind sie mit allen Landsleuten, die vor dem Fernseher sitzen, verbunden. Umgekehrt: Wenn ich z.B. unter lauter Holländern im Spiel Deutschland gegen Holland stehen würde, dann wäre ich ziemlich einsam.
Menschen verbindet - drittes und letztes Beispiel - das, was sie gemeinsam erlebt haben und erinnern. Klassentreffen sind dafür ein schönes Beispiel – oder auch die Goldene Konfirmation. Es wird von vergangenen Tagen, wieder und wieder erzählt. Ist die Erinnerung auch noch auf Fotos festgehalten, so schaffen sie Identität: Der strenge Lehrer von einst, der uns alle so hart dran nahm, so etwas verbindet. Aber auch Familiengeschichten verbinden; wie die Erinnerung an die Großmutter, die immer eine Schwarzwälder Kirschtorte buk, wenn man sie besuchte.
Eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Interesse und gemeinsame Erinnerungen verbinden Menschen.
Was aber verbindet Christen? Genauer gefragt: Was verbindet die Christen hier in unserem Land mit denen in der Ferne? Was haben wir mit Christen in Afrika, China oder Russland gemeinsam? Was schließlich verbindet Orthodoxe mit Katholiken, Protestanten mit Anglikanern und Baptisten mit Methodisten?
Die Christen der Welt: Sie sprechen verschiedene Sprachen, sie haben die verschiedensten Hautfarben, und sie leben unter ärmsten und reichsten Umständen. Nicht einmal denselben Gottesdienst feiern sie: Geht es in unseren Gottesdiensten eher intellektuell zu, so sind die Liturgien der Ostkirche viel bunter und farbenfroher. Auch die Lieder unterscheiden sich: Die Gospels der Afro-Amerikaner haben so gar nichts gemein mit Chorälen von Paul Gerhard. Und nicht einmal die großen Feste der Christenheit werden allerorts zur selben Zeit gefeiert. Was aber verbindet die Christen der Welt - trotz aller Verschiedenheit? Der Predigttext gibt Hinweise darauf.
Er steht im Epheserbrief im 2. Kapitel:
Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. 18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater. 19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, 20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, 21 auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. 22 Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
Das Verbindende der christlichen Gemeinden ist Christus selbst. Es gibt nichts anderes, das die Christen verbinden könnte als eben der Herr aller Gemeinden, Christus selbst. Christus kam und verkündigte Frieden: Frieden denjenigen, die nah sind, und denjenigen, die fern sind, so heißt es.
Ging es früher um die Frage, ob Heiden- oder Judenchristen die „besseren" Christen seien, so ist die Antwort des Predigttextes eindeutig: Beiden, den Nahen und den Fernen, spricht Christus seinen Frieden zu. Allen: Den Orthodoxen und Katholiken, den Freikirchen und Protestanten, den afrikanischen, den schwarzen, den reichen und armen Christen der Welt spricht Christus seinen Frieden zu - so muss es heute heißen.
Denn alle - damals wie heute - sind durch IHN geeint, durch IHN miteinander versöhnt und durch seinen Heiligen Geist zur Einheit im Glauben an Gott, den Vater berufen. Durch IHN. Nicht durch sich selbst. Nicht durch das, was die Kirchen der Welt lehren und dogmatisch festgelegt haben. Nicht durch eine gemeinsame Liturgie oder besondere Ämter. All das ist historisch bedingt und aus Traditionen entstanden. Die Kirche und die Konfessionen sind nichts Selbstständiges im Gegenüber zu Christus. Denn ohne IHN gäbe es sie gar nicht. Insofern ist Christus das Fundament, auf dem unsere Kirchen gebaut sind - und zugleich ist er der Eckstein, der alles ausrichtet.
Und die Christen aller Welt und aller Konfessionen sind es, die das Haus der weltweiten christlichen Gemeinschaft bilden. Wiederum nicht durch sich selbst, sondern durch die Kraft des Heiligen Geistes, der sie zum Glauben beflügelt:
„Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen", heißt es folgerichtig in unserem Glaubensbekenntnis. Und es heißt dort gerade nicht: Ich glaube an die orthodoxe, pietistische, baptistische, reformierte oder sonst was für eine Kirche. Sondern: Ich glaube an die Kirche, die Christus als ihr Fundament und Haupt hat. Und ich glaube an die Gemeinschaft von Menschen in aller Welt, die sich in seinem Namen versammelt und durch seinen Geist im Glauben an IHN begründet ist. Das ist genug. Durch IHN, durch den Herrn selbst, sind die Christen der Welt - in all ihrer Verschiedenheit - miteinander verbunden.
Was aber nun tun mit den verschiedenen Konfessionen? Was tun mit den gegenseitigen Verwerfungen? Was tun mit dem Streit um die rechte Feier des Abendmahls, die Frauenordination oder die Bedeutung des Papstes? Alles Fragen, um die seit Jahrhunderten gerungen wird.
Und ich gebe zu: Das Trennende zwischen den Konfessionen einfach so vom Tisch zu wischen und alle Unterschiede zu nivellieren, ist meine Sache nicht. Dafür bin ich zu sehr verhaftet in meiner protestantischen Kirche. Dazu fühle ich mich zu sehr befreit von vatikanischen Traktaten oder dem Zölibat.
Dennoch erscheint der Predigttext mir als Mahnung: Durch IHN, durch Christus, seid ihr Christen nah und fern. Durch seinen Geist seid ihr beflügelt zum Glauben an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Die Kirchen und die Konfessionen: Sie sind nur die menschlichen Gestaltungsformen eben dieses einen Glaubens. Sie sind nur die verschiedenen Erscheinungsweisen dieses einen Glaubens an diesen einen Gottessohn. Und eines gilt für sie alle: Sie haben nur ein Recht von IHM her. Und kein Recht aus sich selbst und schon gar kein Recht von IHM weg. Und so stehen sie unter dem Zeichen der Vorläufigkeit. Sie sind nicht das Letzte. Sie sind menschliche Einrichtungen, die um das rechte Verständnis des Glauben ringen. Aber sie haben kein Erbrecht auf die Ewigkeit.im Blick auf das alle Welt umfassende Heil, das wir Christen eines Tages erwarten, erscheinen die Unterschiede der Konfessionen und Kirchen belanglos und nichtig.
Und - es sei gestattet, sich dieses anzumaßen: Mit den Augen des ewigen Gottes betrachtet, glaube ich, dass er über vieles lächelt, womit wir Theologen und Laien uns das Leben schwer machen. Irgendwann einmal, davon bin ich überzeugt, wird ER die kleinen und großen Unterschiede auflösen in Wohlgefallen. Und die Christenheit wird zurückkehren zu ihrem Fundament, welches ist Christus und sonst nichts.
Aber noch ist es nicht so weit. Noch leben wir in der Verheißung und in der Hoffnung, dass das, was ist, sich ändern lässt. Noch menschelt es unter uns Christen. Noch glauben wir, dass wir die Interpretationshoheit haben über das, was richtig ist und was falsch in Sachen Glauben. Doch das Haupt und das Fundament ist Christus und niemand, niemand sonst. Er wird richten eines Tages. Und deshalb ist jedes Kirchenamt und jeder Weltbund, jeder Rat, Bischof, Landessuperintendent und jede Glaubenskongregation rechenschaftspflichtig dem Haupt der Kirche. An IHM wird sich entscheiden, wo die Kirchen Christus gedient und wo sie IHN verraten haben.
Was verbindet Menschen? So habe ich zu Beginn gefragt. Menschen verbindet - recht verstanden - auch ihr Glauben. Der Glaube an Jesus Christus verbindet viele Menschen weltweit. Er gibt ihnen Heimat und Gemeinschaft. Er gibt ihnen Traditionen und Kultur - auch wenn diese in ihren Erscheinungsformen verschieden sind. Unser Gottesdienst macht deutlich, was ich meine.
Wir feiern es nicht aus eigenem Antrieb oder weil es eine unserer Ideen war. Wir feiern ihn, weil Jesus Christus selbst Gottesdienste gefeiert hat und ER es ist, der uns zusammen ruft. ER ist es, der uns untereinander zur Gemeinde verbindet, und nicht wir selbst. Wären wir selbst es, so gäbe es jeweils genug Gründe, warum der eine mit dem anderen nicht in einer Bank sitzen kann.
ER kommt uns nahe in Gebet und Lied; durch IHN sind wir Hausgenossen Gottes - und ER ist der Schlussstein, der zusammenhält, was seine Kirche ist. Nah und fern. Wenn die Christen der Welt sich darauf besinnen, dann ist der Tag nicht mehr fern, an dem die gemeinsame Feier der Gottesdienste das sichtbarste Zeichen dafür sein wird, dass alle Christen in Christus miteinander verbunden sind.
Und der Friede Gottes, welcher Höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN
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