Predigt mit Römer 12,4-16 17.01. 2010 Pastor Philip Graffam

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. 8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern. Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. Römer 12,4-16

 

Liebe Gemeinde,

Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge, geb. am 16. Oktober 1752 in Bredenbeck bei Hannover war ein deutscher Schriftsteller und Aufklärer. Bekannt wurde er vor allem durch seine Schrift „Über den Umgang mit Menschen.“ Sein Name steht heute stellvertretend aber irrtümlich für einen „Benimmratgeber“, die mit Knigges eher soziologisch ausgerichtetem Werk nichts gemein haben. Nein – Knigge war gar nicht daran interessiert mit welcher Gabel man den Salat isst und ob der Herr aufsteht, wenn eine Dame den Raum betritt. Knigge dachte darüber nach, wie wir Menschen miteinander umgehen sollten. Erst später hat man sein Werk um Benimmregeln erweitert, weil der Verlag darin das große Geschäftspotential erkannt hatte. Nein – Knigge ging es darum der Frage nach zu gehen:  „wie gehen wir mit einander um?“ Und da, liebe Gemeinde, sind wir schon mitten im Predigttext für heute morgen. Wie gehen wir mit einander um? Einen ganzen Katalog hat Paulus an die Gemeine in Rom damals geschrieben:  Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Paulus stellt fest, dass jeder Mensch unterschiedliche Gaben hat. Und diese Gaben nennt Paulus die Gnadengaben.

Unter Gnade versteht man eine wohlwollende, freiwillige Zuwendung. Lateinisch  „gratia“ – im griechischen „Charis“ In der christlichen Theologie ist die Gnade Gottes ein zentraler Gedanken für unsere Erlösung. Gott schenkt uns Gnade. Weil er uns liebt schenkt er uns diese wohlwollende und freiwillige Zuwendung.

Für Paulus sind unsere Gaben – unsere Fähigkeiten eben auch Gnadengaben – also von Gott geschenkte Fähigkeiten oder Begabungen, die wir für die Gemeinschaft nutzen können und auch nutzen sollen. Dadurch wird unsere Gemeinschaft bereichert.

Aber gerade diese unterschiedlichen Gaben machen unser Leben oft sehr kompliziert und schwierig. Neid und Missgunst treten oft an die Stelle von Dankbarkeit und „sich beschenken lassen“. Statt an der Gabe des anderen sich zu erfreuen, nutze ich andere Schwächen, um den Mitmenschen niedrig zu halten. Und hier setzen Paulus und – wie ich auch finde - Knigges Werk an. „Wie gehen wir miteinander um?“

Nun ist das moderne Leben an vielen Stellen kompliziert geworden und ich bin immer mehr auf die Hilfe anderer angewiesen. Für jedes Problem gibt es einen Spezialisten, den ich um Rat fragen kann; doch schon allein das Herausfinden wer mir wo weiter helfen kann ist oft schwierig geworden.

Wie gut es tut, wenn man endlich jemanden gefunden hat, der bereit ist, mir zu helfen. Diese Erfahrung zeigt uns, Liebe Gemeinde, dass keiner für sich allein etwas Ganzes ist. Es braucht ein Gegenüber, einen anderen Menschen. Es ist die Gemeinschaft, die dem Einzelnen das Leben in unserer Gesellschaft erst möglich macht und jeder ist auf die Gaben, auf die Möglichkeiten des anderen angewiesen. Aber jeder von uns hat wiederum eine ganz eigene Kraft. Eine Kraft, die er für die Gemeinschaft einsetzen kann, so dass er selber auch Hilfe leisten kann, wenn jemanden seine Hilfe benötigt. Doch wie kommt man an die Hilfe des anderen heran? Gut, dafür gibt es mehrere Möglichkeiten.

Die einfachste und in unserer Gesellschaft die häufigste ist über das Geld. Meine Heizung ist nicht mehr in Ordnung und so rufe ich eine Firma an. Diese kommt dann, bringt alles wieder in Ordnung und ich bezahle dafür. Dies ist erst einmal ein sehr gutes System für die Gemeinschaft. So entstehen Arbeitsplätze, wir verdienen Geld und können so miteinander leben. Doch leider reicht unser Geld nicht immer und es hat schon lange nicht jeder mehr Arbeit und außerdem lässt sich nicht jedes Problem mit Geld lösen.

Und so brauchen wir die Solidarität, die Hilfsbereitschaft ohne Eigennutz oder nennen wir es wie Jesus es genannt hat, die Nächstenliebe des anderen. Ein wunderbarer Gedanke. Ich selber kann mit meinen Fähigkeiten, mit meiner von Gott geschenkten Gabe Hilfe und Unterstützung geben und sie zugleich von anderen erfahren.

Der Apostel Paulus beschreibt dies durch ein sehr schönes Bild. Mit dem Leib - dem menschliche Körper. So wie die Gliedmaßen und Organe miteinander harmonisieren, so sollen und können wir miteinander harmonisieren, so dass Leben in der Gemeinschaft möglich ist. Jeder bringt seine Gaben ein. Wir ergänzen uns gegenseitig.

Paulus kann so sprechen, weil er selber diese Erfahrung gemacht hat. Die kleine Gemeinschaft der Christen lebte in dem großen Moloch Rom und war durch Anfeindungen und Hass und Verfolgung ziemlich isoliert. Doch durch die Solidaritätsgemeinschaft der Gemeinde konnten sie sich gegenseitig unterstützen und helfen.

Unsere Erfahrungen in den letzten Jahren zeigen aber öfters ein anderes Bild. Die Solidaritätsgemeinschaften brechen auseinander. Der Mensch lebt mehr für sich; natürlich muss man da zwischen Großstadt und Dorf unterscheiden. Hat das Dorf noch den Vorteil, dass man sich gegenseitig gut kennt, so lebt der Großstadtmensch bereits vielmehr für sich. Dennoch scheint der Trend dahin zugehen, dass man zuerst an sich denkt.

„Heute macht doch keiner mehr was umsonst!“ So hört man es immer wieder. War die nachbarschaftliche Hilfe früher noch selbstverständlich, so ist sie heute nur noch schwer zu bekommen.

Sieht es wirklich so aus, oder war es vielleicht nicht schon immer so? Und ist es nicht so, dass man das Gute, was man erfahren hat, besser und länger in Erinnerung hält? Und ist es nicht so, dass das Negative spannender zu erzählen ist?

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eine schlechte Erfahrung bis zu 50-mal weitererzählt wird, wo gegen eine gute Erfahrung nur 10 bis 15-mal weitererzählt wird. Und so entsteht oft das etwas schiefe Bild, dass es früher besser war als heute. Paulus aber wollte ein gutes Erlebnis weiter erzählen. Er wollte die gute Erfahrung von der Gnade Gottes berichten. Er selber sieht das Schicksal aller durch die Gnade Gottes bestimmt. Und Gnade heißt bei ihm die freiwillige Zuwendung Gottes zu den Menschen. Es ist die Gunst und Hilfe die Gott den Menschen anbietet. Und weil er selber die Gunst, diese Gnade erlebt hat, so ermahnt er die Gemeinde in Rom: Jeder tue, was er nach seiner Gabe tun kann. Und jeder tue dies ganz.

Der Leib ist etwas Ganzes. Ein Lebensverband. Jesus Christus vereint uns durch diesen festen und großen Lebensverband. Und diese Zusammenfassung in einem Leib kommt darin ans Licht, dass wir alle geführt und zugleich begabt werden. Geführt und begabt nicht nur wie es dem einzelnen dient oder nützt, sondern wie es allen dient und nützt. Keiner ist dabei für sich allein etwas Ganzes, so dass er ohne die anderen gedeihen könnte. Und jeder hat eine, nur ihm eigene Gabe, die er sowohl für sich und auch für den anderen zum Nutzen einsetzen kann. Es gibt viele Redensarten, die solch ein Bild umschreiben. „Wenn alle an einem Strang ziehen“ „Viele, viele Hände, machen schnell ein Ende!“; „Eine Hand wäscht die andere!“ Das Bild des Paulus gefällt mir am besten, denn sein Bild vom Leib, zeugt davon, dass die Sache mit Gott mit dem Leben zusammen hängt. Gott ist ein Gott der Lebendigen und er will uns ein Leben in der Gemeinschaft, in seiner Gemeinschaft schenken.

„Wie gehen wir miteinander um?“  Der Nachfahre Moritz Freiherr Knigge sprach am Freitag im Fernsehen darüber, dass der Umgang der Menschen untereinander deswegen oft so schwierig ist, weil der Einzelne sich selber oft viel zu wichtig nimmt.  Wenn die Verkäuferin unhöflich ist, hat das vielleicht gar nichts mit mir, sondern vielmehr mit dem sehr unhöflichen Kunden vor mir zu tun. Oder wenn einer mich auf der Straße nicht grüßt, dann nicht vielleicht weil er oder sie meine Person mit Missachtung strafen will, sondern vielleicht hat er oder sie große private Sorgen. Gelassenheit ist dabei das Zauberwort. Mehr Gelassenheit im Alltag, im persönlichen, in der Gemeinschaft. Es ist unglaublich, wie befreiend das sein kann. Paulus nennt es anders. Er beschreibt es in seinem Text so: Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. Langmut, Gelassenheit – sich selber nicht so wichtig zu nehmen. Und diese Gelassenheit, liebe Gemeinde können wir uns auch leisten, denn bei Gott brauchen wir uns nicht zu beweisen. Seine Gnade, sein Geschenk der Liebe an uns macht Mut. Es macht Mut sich dem Leben, mit all seinem Herausforderungen, Schwierigkeit und Problemen zu stellen. Vieles ist schon erreicht worden; vieles muss noch erreicht werden. Dazu helfe uns Gott. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen