Dem Leben auf der Spur
Predigt über 1. Petrus 2,21-25
21 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; 22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Liebe Gemeinde, woran kann ich mich im Leben orientieren? Das ist eines der großen Themen, das jeden und jede von uns beschäftigt. Gibt es so etwas wie eine Gebrauchsanweisung für das Leben – oder bin ich mir da selbst überlassen?
Wer kann mir zeigen, wo’s im Leben langgeht? Im Brief des Petrus ist die Antwort klar: Christus hat gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen! An Jesus könnt ihr euch orientieren!
Bis heute sehen viele Menschen in Jesus ein Vorbild. Einen, der Gutes getan hat, dessen Leben ein Modell für andere werden kann.
Was würde Jesus tun? So fragen gerade junge Menschen. Zum Zeichen dafür, dass es ihnen mit dieser Frage ernst ist, tragen sie ein Armband. Darauf sind vier Buchstaben: W – W – J – D. Das sind die Anfangsbuchstaben für Was würde Jesus tun? Im Alltag, in der Schule, im Betrieb, in der Freizeit soll das vor Augen sein: Was würde Jesus tun? Das soll meine Entscheidungen lenken, daran will ich mich orientieren: Was würde Jesus tun?
Jesus hat euch ein Vorbild hinterlassen. Wörtlich steht da im Griechischen: Eine Vorlage, gemeint ist eine Schreibvorlage für ABC-Schützen. Ich kenne das von unserer Jüngsten. Sie kommt im Sommer in die Schule und ist jetzt schon daran interessiert, das Lesen und Schreiben zu lernen. Zum Schreiben braucht sie eine Vorlage. Man muss ihr die Buchstaben vormalen, damit sie die einzelnen Striche nachzeichnen kann. Ohne Vorlage kann es vorkommen, dass manches schief läuft. Da lässt sie einzelne Buchstaben aus, und es kann auch vorkommen, dass ein ganzes Wort spiegelverkehrt geschrieben ist: „AMAM“ statt „MAMA“. Daher kommt sie immer wieder auf mich zu: Papa, schreib mir dieses Wort vor! Mit einer Schreibvorlage ist sie auf der sicheren Seite. Und Schreiben lernen ist nichts Neues – das mussten die Kinder auch schon vor 2000 Jahren.
Jesus hat euch eine Vorlage, ein Modell vorgelegt. Daran könnt ihr euch orientieren. An ihm könnt ihr sehen, wie Gott sich das Leben gedacht hat. Wenn ihr euch an Jesus orientiert, dann kann das Miteinander gelingen. Seht auf ihn: Er hat Menschen gesagt: Ihr seid für Gott wichtig. Gott braucht euch! Denen, die am Rand standen, die von anderen gemieden wurden, hat er gezeigt: Gott will euch haben, er stößt euch nicht aus. Und wo ihr schuldig geworden seid, vergibt Gott euch! Kranke hat er geheilt. Menschen konnten von neuem beginnen.
Das wäre so ein Modell: Da denken Menschen nicht zuerst an sich selbst, sondern fragen, was gut für den andern ist. Sie drängen sich nicht selbst in den Vordergrund, sondern lassen andern den Vortritt. Männer und Frauen haben nicht immer die Sorge, etwas zu verpassen oder zu kurz zu kommen, sondern fragen: Was braucht der andere? Wie viel Streit, wie viele böse Worte wären dann unnötig!
Wenn wir uns nicht zu gut sind, für andere zu sorgen, sondern ihnen helfen und beistehen, dann würde das Miteinander in den Familien, in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft, am Ort, im Betrieb ganz anders aussehen!
Ihr merkt: Man kann es einleuchtend machen: Es ist sinnvoll, nach dem Modell „Jesus“ zu leben. Wenn das alle täten, würde es in unserer Welt ganz anders aussehen!
Und doch: Ganz offensichtlich ist es nicht so. Ganz offensichtlich leben die allermeisten nicht nach dem Modell, das Jesus uns vorgelegt hat. Woran liegt das? Sicher auch daran, dass es schwer, sehr schwer ist, so zu leben. Es ist schwer, sich selbst zurückzunehmen und andern den Vortritt zu lassen. Es ist schwer, nicht zuerst an sich selbst, sondern an die andern zu denken. Deshalb ist der Blick auf Jesus wichtig und nötig.
Aber nicht genug, Jesus ging noch weiter: Er war nicht nur hilfsbereit und uneigennützig. Er war bereit, ins Leiden zu gehen. Er leidet unschuldig. Er erträgt es willig. Er verzichtet auf sein Recht.
Das ist Jesus:
Jesus hat es nicht nötig, Vergeltung zu üben. Warum? Weil er auf Gott vertraut. Er weiß sein Leben und sein Geschick in Gottes Hand. Deshalb muss er nicht zuerst an sich selbst denken. Deshalb kann er auf Rache verzichten und sogar seine Feinde lieben. Er vertraut darauf: Gott sorgt für mich. Er wird mir Recht verschaffen, wo es mir vorenthalten wird. Das macht Jesus frei von Rachegefühlen, frei vom Drang, Vergeltung üben zu müssen, es den andern heimzuzahlen. Menschen können richtig gefangen sein in Hass- und Rachegefühlen.
Es ist schwer, so zu leben. Es ist schwer, Unrecht zu erleiden. Viel leichter ist es, auch andern zu sagen: Was euch getan wird, ist Unrecht! Wehrt euch doch! Lasst euch das nicht gefallen! Es gibt in der Tat Situationen, in denen das angesagt sein kann. In vielen Situationen ist es nötig, den Tätern Einhalt zu gebieten.
Wer nie Opfer von Gewalt oder Missbrauch war, sollte daher sehr vorsichtig sein, den Opfern von Missbrauch und Gewalt zu raten: seid bereit, unschuldig zu leiden. Es geht zuallererst darum, dass wir selbst so leben. Dann können wir darüber nachdenken, das auch anderen zu empfehlen.
Es geht auch nicht darum, sich selbst aufzugeben, die Opferrolle einzunehmen und zu resignieren. Jesus ist diesen Weg bewusst und freiwillig gegangen.
Schaut auf Jesus! Das wird hier Sklaven gesagt – also Menschen, die rechtlos waren, die sich nicht wehren konnten. Seid bereit, Unrecht zu erleiden, denkt daran: Jesus ist es auch nicht anders ergangen. Jesus hat das Leiden, das ihm zugemutet, willig ertragen. Das ist das Modell, das Vorbild, nach dem ihr leben könnt. Ihr, die ihr euch nach Jesus „Christen“ nennt. Euer Leben ist in Gottes Hand, deshalb könnt ihr diesen Weg des Leidens gehen.
Es gibt zwei Arten des Leidens: Einmal das Leiden, das uns als Menschen begegnet. Das kann eine schwere Krankheit sein, ein Unfall. Das kann eine gescheiterte Beziehung sein, aber auch Unrecht, das mir zugefügt wird.
Ein anderes ist es, wenn Menschen leiden, weil sie Christen sind, weil sie sich zu Jesus bekennen. Das gab es in der DDR: jungen Menschen, die sich zur Kirche hielten, wurde der Weg in weiterführende Schulen oder in das Studium verwehrt. Das gibt es in vielen Ländern: Menschen werden benachteiligt, weil sie Christen sind. Bis dahin, dass sie in Gefängnisse kommen, gefoltert werden. Wir haben das in islamischen Ländern: Im Irak und Iran, in Saudi-Arabien und im Sudan. Wir haben das in kommunistischen Ländern wie China und Nordkorea. Grundlegende Menschenrechte werden ihnen vorenthalten. Oder der Staat sieht untätig zu, wenn ein Mob Kirchen und Häuser anzündet und Christen verprügelt.
Wir können uns kaum vorstellen, was Menschen für ihren Glauben leiden müssen. Aber wir können sie im Gebet begleiten und an manchen Stellen auch für sie einsetzen. Und wir können dankbar sein, dass wir in unserem Land die Freiheit haben, unseren Glauben zu leben. Hier kann es auch vorkommen, dass Freunde sich abwenden, weil jemand bewusst als Christ lebt. Das ist nicht leicht, aber kein Vergleich mit dem, was Christen in anderen Ländern leiden müssen.
Die Bibel sagt sehr klar, was es kosten kann, Jesus nachzufolgen. Das ist der Weg, den Jesus gegangen ist – und das kann auch euer Weg werden. Lasst euch davon nicht abschrecken. Wo euch das zustößt, denkt daran: Das war auch der Weg Jesu. Nehmt diesen Weg an. Und das geht an jeden einzelnen von uns: Nimm den Weg an, den Gott dich führt. Auch dann, wenn er dir viel zumutet. Gott will dich damit nicht strafen, er tut es auch nicht um dir das Leben schwer zu machen. Vertraue ihm, lege dein Leben in seine Hand. Er will dich näher zu sich ziehen. Jesus ist diesen Weg vorangegangen, deshalb ist er auch für dich nicht zu schwer.
allen, die leiden, wird gesagt: Schaut auf Jesus! Folgt ihm nach, orientiert euch an ihm! Er ist euch vorangegangen. Ihr könnt jetzt in seinen Fußtapfen nachkommen. Nach der Vorlage, der Schreibvorlage kommt nun ein zweites wichtiges Bild: Die Fußtapfen.
Ich denke da an den vergangenen Winter. Sie alle werden sich noch an die Schneemassen erinnern. Viele Wege waren nicht gebahnt. Da konnte das Gehen mitunter sehr mühsam sein. Durch den tiefen Schnee zu stapfen ist anstrengend. Bei Schneeverwehungen konnte man sehr tief einsinken. Da konnte man sich fragen: Komme ich auf diesem Weg überhaupt zum Ziel? Viel einfacher war es, wenn schon jemand vorangegangen war. Da konnte man dann Schritt für Schritt in den Fußtapfen des ersten gehen. Das war bedeutend einfacher als ohne Fußtapfen. Außerdem war dann klar: Ich kann diesen Weg gehen. Ich brauche nicht zu befürchten, irgendwann im Schnee zu versinken und nicht weiterzukommen. Ein anderer ist den Weg schon gegangen. Er hat die Spur gelegt und ist ans Ziel gekommen. Wenn ich seinen Fußtapfen folge, werde ich den Weg finden und auch ans Ziel kommen.
So ist es mit Jesus: Er ist vorangegangen. Er hat euch Spuren gelegt. Der Weg ist gespurt, ihr könnt in seinen Fußtapfen folgen. Und wenn ihr denkt, dass die Fußtapfen von Jesus ein paar Nummern zu groß für euch sind: In seinen Fußtapfen ist Platz für euch. Jesus hat den Weg für euch bereitet. Den Weg durch dieses Leben. Den Weg zu Gott.
Das ist das entscheidende: Jesus ist uns nicht nur den Weg vorangegangen. Er hat nicht nur ein Modell gelingenden Lebens vorgelegt. Jesus ist weit mehr als ein Vorbild. Ein Vorbild kann unerreichbar weit von uns weg sein. Da denken wir dann: Das schaffen wir nie! Oder man sieht nur die Forderung: Lebe so wie Jesus! – und es wird für mich zur Überforderung. Ich merke, dass ich es aus eigener Kraft nicht schaffe.
Jesus ist nicht nur ein Vorbild. Er hat den Weg zu Gott für uns freigemacht. Er hat die Last unseres Lebens auf sich genommen. Alles das, was uns das Leben schwer macht. Vor allem die Sünde, die uns von Gott trennt. Er hat gelitten, ist gestorben. Mit den Worten des Petrus: Er hat
Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Stellvertretend für euch hat Jesus gelitten. Er hat es auf sich genommen, damit euch das schlimmste aller Leiden erspart bleibt: Ein Leben fern von Gott. Sünde trennt euch von Gott. Und ihr seid selbst nicht in der Lage, den Weg zu Gott freizumachen. Das muss ein anderer für euch tun. Jesus hat es getan.
Nochmals, weil es so wichtig ist: Jesus ist nicht nur ein Modell für das Leben: So hat sich Gott das Leben vorgestellt. Es ist weit mehr: Jesus ist uns vorangegangen. Er ist den Weg ans Kreuz für uns gegangen. Er hat uns den Weg freigemacht: Den Weg hin zu Gott. Er hat die Last unseres Lebens genommen, damit wir ihm ohne diese Last folgen können.
Deshalb könnt ihr voller Vertrauen euer Leben in seine Hand legen. Euer Leben mit den schönen Seiten und mit den Schattenseiten. Auch das erlittene Unrecht, den Hass, die Wut, den Groll – alles das, womit anders uns und wir uns selbst das Leben schwer machen können.
Ihr seid davon frei! Die Sünde darf euch nicht mehr bestimmen! Weil ihr befreit seid, könnt ihr so leben wie Jesus! Ihr könnt ihm nachfolgen.
Sicher, wir werden immer wieder scheitern und schuldig werden. Aber die Spur ist gelegt, der Weg ist freigemacht. Das, was unseren Lebensweg behindert, ist weggeräumt.
im Rückblick bedeutet das:
Ich weiß nicht, woran Sie denken, wenn Sie „Hirte und Bischof“ hören. Bischof heißt eigentlich „Aufseher“. Da kann man durchaus an die DDR denken: Da wollte der Staat das Ganze Leben beaufsichtigen. Da wurde einem von oben gesagt, was man tun soll. Aber die, die anderen sagten, wie sie leben sollen, haben sich oft selbst nicht daran gehalten.
Ich kann verstehen, wenn manche sagen: So will ich es nicht noch einmal haben. Ich lasse mir von niemandem mehr etwas sagen.
Auf der anderen Seite bleibt die Frage: Woran orientiere ich mich im Leben? Habe ich jemanden, der mich begleitet?
Den Christen wird gesagt: Einst seid ihr ziellos umhergeirrt. Wie Schafe ohne Hirten, die nicht wissen, wo’s langgeht. Ihr wart verwirrt: Wer hat denn nun Recht? Wem sollen wir folgen?
Das ist anders geworden. Ihr habt einen gefunden, an dem ihr euch orientieren könnt. Einen, dem ihr vertrauen könnt. Einen, der euch vorangeht und der vertrauenswürdig ist.
Einen Hirten. Da können Sie an den Eingangsteil des Gottesdienstes zurückdenken, an Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte. Er sorgt für uns. Er ist auch dann bei uns, wenn nicht nur frisches Wasser und grüne Auen auf euch warten, sondern finstere Täler, unschuldiges Leiden. Auch da geht er uns voran, ist bei uns und beschützt uns. Jesus ist der gute Hirte, der sei Leben für die Schafe lässt.
Daher: Denken Sie beim Hirten nicht an eine Schäferidylle. Denken Sie an den, der für uns sorgt, uns vorangeht, der sein Leben für uns gibt.
der Weg Jesu wird uns heute vor Augen geführt. Drei kräftige Bilder zeichnet Petrus: Jesus ist das Vorbild, die Schreibvorlage. Wir können nachzeichnen, wie Gott sich das Leben gedacht hat. Dann die Fußtapfen. Ein anderer ist mir vorausgegangen. Und schließlich der Hirte: Jesus, der gute Hirte, der für mich sorgt und sein Leben für mich gegeben hat.
johannes.zimmermann(at)uni-greifswald.de
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