Predigt mit 1. Johannes 5, 1-4

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

5,1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. 2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. 3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.

4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. 1. Joh 5,1-4

Liebe Gemeinde,

„Hier bin ich gebor'n und laufe durch die Straßen! Kenn die Gesichter, jedes Haus und jeden Laden!“ So singt Peter Fox in seiner ersten Strophe in seinem Lied: „Haus am See!“ Er schreibt damit die Eintönigkeit seines Dasein und formuliert dann den Wunsch mal rauzukommen, wenn es heißt: „Ich muss mal weg, kenn jede Taube hier beim Namen. Daumen raus ich warte auf 'ne schicke Frau mit schnellem Wagen. Die Sonne blendet alles fliegt vorbei. Und die Welt hinter mir wird langsam klein. Doch die Welt vor mir ist für mich gemacht! Ich weiß sie wartet und ich hol sie ab!“

Seine Eltern, sein Zuhause, seine Geschwister – nichts davon können wir uns aussuchen, Liebe Gemeinde.

Die sind einfach da und irgendwann registriert ein kleiner Mensch: Aha, Papa und Mama, das ist mein Bruder – oh – das wird mal meine Schwester.

Ist das eigentlich gut so?
Ich meine, da kann man doch Glück oder Pech haben mit seiner Familie, oder? Man wird einfach dort hineingeboren, vor vollendete Tatsachen gestellt, bevor man so richtig zur Besinnung gekommen ist.

An den Grunddaten lässt sich da doch nichts mehr ändern, und aus einer Familie kann sich auch niemand herausreden.  Man bleibt das Kind seiner Eltern – auch wenn man das Zuhause zurücklässt und der Bruder bleibt der Bruder und die Schwester bleibt die Schwester.

Es gibt natürlich Familiensituationen, da ist z.B. der Vater nicht gleich bekannt. Aber durch einen Gen-Test und oft auch durch äußerliche Merkmale lässt sich das immer wieder leicht feststellen.

Schwierig ist auch die Frage nach Gott, unserem Vater im Himmel - wenn auch in etwas anderer Hinsicht. Gott, der Schöpfer, ist der Vater, und wir Menschen sind seine Kinder. So sagt man.

Ist das so? Woher können wir denn wissen, dass wir Gottes Kinder sind? Genetisch lässt sich das nicht zurückverfolgen und - ehrlich gesagt: Müssten sich nicht viele Menschen anders verhalten, wenn Gott ihr Vater wäre? Ein Vater gibt ja nicht nur seine Gene an die Kinder weiter, sondern viel, viel mehr. Er lebt den Kindern etwas vor. Väter und Mütter formen ihre Kinder und wie sich die beiden den Kindern gegenüber verhalten, so ähnlich verhalten sich die Kinder später häufig auch. Manchmal bin ich sehr erstaunt, ja, fast erschrocken, wenn ich in mir selbst meinen Vater oder meine Mutter wiedererkenne. Wenn jemand sagt: "Du redest wie dein Vater", oder: "Das hätte deine Mutter jetzt genauso gemacht", oder: "Dass du das Kind deiner Eltern bist, dass merkt man aber wirklich." Wenn das aber so ist, wer ist dann bitteschön ein Kind Gottes?

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott gezeugt/geboren. So bringt es der Predigttext als erste Erkenntnis auf den Punkt. Jeder, der erkennt und bekennt: Jesus ist der Christus, jeder, der sich ihm anvertraut, der nach ihm fragt und auf ihn hofft, von dem lässt sich mit Gewissheit sagen: Er ist von Gott gezeugt. Die Glaubenden sind Kinder Gottes, Gott macht uns durch den Glauben zu etwas ganz Neuem, nämlich zu seinen Kindern.

Nun wissen wir, dass Ärger und Streit und manchmal sogar Hass in den scheinbar besten Familien vorkommen. Und auch wenn ich meine Eltern liebe, heißt das doch noch lange nicht, dass ich das auch über alle meine Geschwister sagen kann. Geschwister sind manchmal heillos zerstritten, erscheinen zu unterschiedlich, als dass sie wirklich etwas miteinander anfangen könnten. Ein einfaches "Habt euch doch lieb!" von den Eltern reicht da nicht aus.

Umso erstaunlicher ist daher die zweite Festsetzung des Predigttextes: Und wer den liebt, der ihn gezeugt/geboren hat, der liebt auch den (d.h. jeden anderen), der von ihm gezeugt/geboren ist, also gleichsam seinen Bruder/seine Schwester in der zweiten, der himmlischen Familie. Und damit sind wir auch schon beim Punkt:

Die himmlische Familie, die zwar ähnlich strukturiert ist wie unsere irdischen, ist aber gleichzeitig auch ganz anders, denn: der Vater ist Gott, und die ihm vertrauen, die ihn von ganzem Herzen suchen, die sind die Kinder und damit untereinander auch Geschwister. Liebe macht zu Schwestern und Brüdern.

Und der Verfasser des uns vorliegenden Briefes wird nicht müde zu betonen, dass Gott, der Vater, die Liebe ist. Und diese Liebe ist darin erschienen, "dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen." (1. Johannes 4,9)

Stellen wir uns das doch noch einmal kurz vor: Da ist ein Vater, der sagt zu seinem Sohn: "Sieh, da sind Menschen, die brauchen mich. Es droht in Vergessenheit zu geraten, wer ich bin und wie ich bin. Eigentlich müsste ihnen klar sein, dass sie ohne mich gar nicht leben können, denn ich bin das Leben. Aber sie glauben nur, was sie sehen und hören auf, mich zu suchen. Sie kommen immer seltener zu mir, also muss ich zu ihnen. Du kennst mich wie kein zweiter, du bist mein Sohn, du bist wie ich. Geh und lass dich auf sie ein. Hör ihnen zu, nimm sie Ernst, kümmere dich um die, die keiner sehen will. Tröste die, deren Weinen keiner mehr hört. Ermahne dort, wo es nötig ist und lehre die Menschen wieder, was Wahrheit ist und was es heißt, zu vergeben."

Und dann geht der Sohn und lässt sich auf die Menschen ein. Lernt, was es überhaupt heißt, ein Mensch zu sein, denn eigentlich ist er von Natur aus etwas anders, er ist im Grunde genommen viel mehr.

Aber das hält ihn nicht davon ab, Mensch zu sein und mit jedem Tag mehr darüber zu lernen, was das eigentlich bedeutet. Ein Leben als Mensch auf der Erde jenseits des Himmels. Und er merkt schnell, dass es dort viel zu tun gibt, er spürt die Sehnsucht der Menschen und erfährt gleichzeitig, dass Liebe mit Arbeit und mit Schmerz und manchmal sogar mit Ablehnung verbunden ist. Aber das erschreckt ihn nicht. Und als manche, die ihn lieb gewinnen, sogar meinen: "Pass auf, dass du nicht aufgerieben wirst", da denkt er an seinen Vater und lächelt und macht weiter. Er hilft, er tröstet und er weckt himmlische Hoffnung.

Er hört nicht auf, Gutes zu tun und die Wahrheit zu sagen; und zum Dank dafür, kurz vor Ostern, wird er ans Kreuz geschlagen.

Dass, was Christus tut: Zuhören, ernst nehmen, annehmen, ermahnen und vergeben, ganz bei anderen sein und doch bei sich selbst bleiben, für Menschen leben und sterben, weil er nicht anders kann - das ist Liebe, und diese Liebe ist ansteckend und macht uns zu Angehörigen der himmlischen Familie.

Wer nun in der himmlischen Familie an Gott, dem Vater, an dieser Liebe festhält oder sich nur von ihr berühren lässt, der liebt auch seine Schwestern und Brüder. Vom Vater geliebt werden und daher seine Geschwister lieben, das gehört im Himmel untrennbar zusammen. Es ist gänzlich unmöglich, in dem Moment, in dem die Liebe Gottes spürbar ist, nicht auch zu lieben. Und derjenige, der fragt: "Ja, wann liebe ich meinen Bruder, meine Schwester denn überhaupt, ich weiß es ja gar nicht?", dem antwortet heute der Predigttext: Wenn du Gott liebst, der dich zuerst geliebt hat, dann liebst du auch deine Geschwister. Oder wörtlich: Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.

Zum Glück ist diese Liebe vom Himmel gefallen,

Jesus Christus sei Dank und jauchzet Gott alle Lande! Zum Glück strahlt sie noch immer vom Himmel herab in unsere Welt und will uns Menschen jeden neuen Tag zu Geschwistern machen, und wenn das gelingt, ist das für einen Moment der Himmel auf Erden. Aber wir haben immer auch viel Erde auf Erden, viel Welt in der Welt. Momente oder Ereignisse, die es uns unmöglich erscheinen lassen, von Liebe zu sprechen. Da fällt jedem leicht etwas ein.

Und wenn da jemand ist, der nie wirklich erfahren hat, was Liebe eigentlich überhaupt alles sein kann, wie soll der selbst fähig sein zu lieben? Das wird schwer. Dafür braucht es Hilfe.

Der Lieblosigkeit in der Welt zum Trotz ermuntert nun der 1. Johannesbrief zur Liebe: Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Oder anders gesagt: Schau, was Christus getan hat, lass dich davon anrühren. Lass Christus auf dich wirken; seine Worte, seine Taten, seine Geschichte. Manchmal muss die Liebe nur etwas angestoßen werden, neu geweckt werden, sodass sie in Gang kommt; und immer wieder braucht es Menschen, die das übernehmen. Die in der Lieblosigkeit andere spüren lassen: Wir sind Schwestern und Brüder.

Eingangs habe ich daran erinnert, dass man sich seine Eltern und Geschwister nicht aussuchen kann. Das man da ausbrechen will. Das gilt auch für die himmlische Familie. Und da kann man gar nicht genug Schwestern und Brüder haben, denn zusammen ist man weniger allein. Aber wie unterschiedlich die Schwestern und Brüder auch sein mögen, in einem ganz entscheidenden Punkt kommen sie zusammen; und der Punkt macht ein gegenseitiges Desinteresse unmöglich:

Der Glaube. Der Glaube, der da ist, oder den es zu wecken gilt. Und der Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt.

Der Glaube sorgt dafür, dass wir auf der Erde nicht nur Erde haben, sondern immer wieder der Himmel durchscheinen kann. Und der himmlische Vater. Den kann man sich auch nicht aussuchen; wohl aber suchen und ihn Vater sein lassen. Das ist gut. Dem muss man nachspüren, damit man dies hier wieder hören kann, wenn man es vergessen hat: Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt (1. Johannes 4,19).

AMEN