Predigt über 1. Timotheus 1, 12-17

Typisch Jesus

Predigt über 1. Timotheus 1, 12-17 am 20. Juni 2010 in Lassan

Lobpreis der göttlichen Barmherzigkeit - 1. Timotheus 1, 12-17

12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, 13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. 14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.

15 Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. 16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. 17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

1.      Eine Glaubensgeschichte

Liebe Gemeinde, eine Glaubensgeschichte wird uns hier erzählt, die Glaubensgeschichte des Paulus. Glaubensgeschichten sind sehr persönlich, sie sehen bei jedem wieder anders aus. Es wäre eine spannende Sache, wenn wir hier einander unsere persönlichen Glaubensgeschichten erzählten könnten. Da gäbe es Vieles zum Staunen und Danken. Nehmen Sie es als Anregung, das in der Gemeinde hier und dort zu tun!

Mit Glaubensgeschichten hat sich eine Studie des Instituts befasst, an dem ich arbeite. „Wie finden Erwachsene zum Glauben?“ war die Frage, die wir uns gestellt haben, und heraus kamen ganz unterschiedliche persönliche Geschichten von Menschen. Für mich war es ermutigend zu sehen, wie viele und wie unterschiedliche Glaubensgeschichten es heute noch gibt.

Immer wieder kommt es vor, dass auch Prominente in ihrem Leben von Glaubensgeschichten berichten. Manche werden gehört oder gelesen haben, dass sich die Sängerin Nina Hagen letztes Jahr taufen ließ. Ihren Glaubensweg hat sie in einem Buch mit dem Titel „Bekenntnisse“ aufgeschrieben. Vor wenigen Tagen hat sie in Konzerten in Neubrandenburg, Rostock und Schwerin davon erzählt und gesungen und sich zum christlichen Glauben bekannt. Nun kann man über Nina Hagen unterschiedlicher Meinung sein und manche fragen sich, ob das von Dauer sein wird. Ich hoffe sehr, dass es von Dauer sein wird. 

In ihrem Buch erzählt Nina Hagen es so: „Gott hat mich gesehen, damals in Ostberlin, als ich zu Füßen meines Vaters saß … Er rettete mein Leben, nachdem ich einen Tag und eine Nacht in der Drogenhöhle von Amsterdam war. Er rettete mich ein zweites Mal von den Dämonen des Kokains, die es auf mein Leben und auf meine Zunge abgesehen hatten. Er führte meinen Leib und meine Seele unverletzt durch das Lügenreich der indischen Götzenanbeter. Ja, Gott hat niemals Sein Auge von mir abgewandt. Ich kann gerne bestätigen, was in Psalm 91 steht: ‚Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen‘.

Jetzt hat sich aber mein geliebter Jesus Christus gemeldet; Er hat Sturm bei mir geklingelt. Er ist doch mein ältester und mein liebster Bruder, mein bester und treuester Freund, mein Ein und mein Alles – wie soll ich Ihm die Tür etwa nicht aufmachen? Er hat Sturm geklingelt und gesagt, dass wir alle mal aus unserem verdammten lieblosen Verdammnis-Alptraum aufwachen sollen! Das Jahr 2008 brachte mir die Erkenntnis, dass ich endlich einmal Butter bei die Fische geben sollte. So ging das ja nicht mehr weiter! …

Viele sehen in einer Taufe ja nur den Eintritt in einen Verein, eine Partei oder einen Club. Das wäre mir zu wenig … An der Taufe interessierte mich das, was Christus uns verheißt – das, was unsichtbar geschieht mit mir und Jesus. Wir beide hatten so lange in wilder Ehe gelebt, jetzt musste es mal was Festes werden. Und das ist für mich die Taufe in erster Linie: die Besiegelung einer großen Liebesgeschichte. Wir kennen uns ja schon seit über 40 Jahren“ (Nina Hagen, Bekenntnisse, München 2010, S. 269-270).

Bei Nina Hagen kann man deutlich sehen, dass an solchen Glaubensgeschichten sehr viel Persönliches dabei ist. Neben den persönlichen Dingen gibt es aber auch Typisches. Das Typische ist das, was in allen Glaubensgeschichten wiederkehrt. Es ist typisch, weil es typisch Jesus ist, so mit Menschen umzugehen. „Mir ist Barmherzigkeit widerfahren“. So sagt es Paulus. Es ist etwas Typisches, das können alle von sich sagen, die Jesus begegnet sind.

Das ist wichtig an der Glaubensgeschichte des Paulus. Sie wird hier so dargestellt, dass im Einmaligen das Typische, das Grundsätzliche aufscheint. Jesus hat mich stark gemacht, Jesus hat mich für treu erachtet, Jesus hat mich in seinen Dienst genommen. Das war die Erfahrung des Paulus. Jesus hat mich für treu erachtet, er hat mich für zuverlässig gehalten, obwohl es keinen Anlass dazu gab. Was Paulus vorher machte, gab keinen Anlass dazu, in ihm einen der wichtigsten Männer der frühen Christenheit zu sehen. Ganz im Gegenteil. Er war einer der größten Scharfmacher gegen die Christen. Und das beschönigt er auch in keiner Weise: „Ich war früher ein Lästerer und Verfolger und Frevler“. Hier versucht nicht einer, zu beschönigen. Es ist anders als bei vielen Lebensgeschichten, die Menschen einander erzählen. Wenn Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen, versuchen sie oft, sich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. „Ich habe das damals so gemacht, weil es alle taten“ oder „Das habe ich von meinen Eltern, dafür kann ich nichts“. Es ist schwer, zu eigenem Versagen, zu eigenen Fehlern zu stehen.

Keine Spur davon hier. Lästerer und Verfolger und Frevler – Paulus wird hier dargestellt als der Typ von Mensch, der sich gegen Gott auflehnt. Umso größer leuchtet Gottes Gnade auf. „Mir ist Barmherzigkeit widerfahren“, Jesus hat sich über mich erbarmt, bekennt Paulus. Und er ergänzt: denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Das klingt so, als wolle er sich nun doch entschuldigen und für mildernde Umstände plädieren. Es klingt wie „ich habe ja nicht gewusst, wie schlimm das war“.

So ist es aber nicht. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ – so betet Jesus für die, die ihn kreuzigen. Es gibt Menschen, denen die Augen verschlossen sind für das Unrecht, das sie tun. Auch sie sind auf Vergebung angewiesen. Mehr noch: Unwissenheit kann in der Bibel auch ein Vorwurf sein: Die Heiden müssten wissen, was Gott will – aber sie wissen es nicht oder wollen es nicht wissen. Israel, Gottes Volk, müsste wissen, was Gott geboten hat und was die Propheten verkündigt haben. Und dennoch entfernen sie sich immer weiter von Gott. Unwissenheit ist hier keine Entschuldigung, sondern ein Vorwurf.

Und dann gibt es noch ein besonderes Problem der Unwissenheit: Wer seine Schuld weiß, kann sie einsehen und bekennen. Wer unwissend schuldig wird, bemerkt selbst nicht, was er angerichtet hat. Ein anderer muss die Augen öffnen. Gott muss eingreifen. Und genau das will Paulus sagen: Es stand so schlimm mit mir, dass ich selbst nicht aus dem Schlamassel herauskam. Ich kam heraus, weil Jesus sich über mich erbarmt hat.

2.      Die Jesusgeschichte

Das ist die Glaubensgeschichte des Paulus. Man könnte nun sagen: Schön, so eine Glaubensgeschichten zu hören – aber sie ist doch weit weg. Nicht alle von uns würden ihre Vergangenheit in so düsteren Farben schildern. Und jeder kann einwenden: Paulus, das hast du so erlebt, bei mir sieht es ganz anders aus.

Deshalb kommt hier die Jesusgeschichte ins Spiel. Die Jesusgeschichte macht aus dem Einmaligen etwas Grundsätzliches. Es geht um einen Grund-Satz des Handelns Jesu. Ganz feierlich wird das eingeleitet: Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder zu retten, unter denen ich der erste bin.

Das erinnert an den Wochenspruch: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist (Lukas 19,10). So erfuhr es Paulus. So erlebten es Zachäus und unzählige andere seither. So habe ich es erlebt. So haben es andere unter uns erlebt. Es kann die Erfahrung eines jeden von uns werden.

Das ist „typisch Jesus“, das ist sein Markenzeichen: Er will die bei sich haben, die fern von ihm sind, die in die Irre gehen, die orientierungslos sind, die sich gegen ihn auflehnen. Die, denen er gleichgültig ist. Nicht nur die Frommen, die nur die, die aus christlichen Elternhäusern kommen und den Eindruck haben, immer schon dabei gewesen zu sein. Auch solche Leute wie Paulus, auch solche wie Nina Hagen. Auch solche wie Dich und mich.

Eines freilich gilt es zu schlucken: Jesus will Sünder retten. Nicht die, die sich für gerecht halten. Nicht die, die meinen, dass sie Jesus nicht brauchen. Aber die, die weit von ihm weg sind, denen gilt seine ganze Liebe. Die, die denken: Bei allen um mich herum klappt das mit dem Christsein so wunderbar, nur bei mir nicht. Die, die wissen: Allein schaffe ich es nicht. Ich brauche Jesus. Die sind genau richtig bei ihm. Und keiner braucht sich schämen das zu sagen. Der erste Platz auf der Sünderbank ist längst vergeben. Den hat Paulus für sich beansprucht. Daneben ist auch für mich Platz, daneben ist auch für Dich Platz.

Wenn wir jetzt Glaubensgeschichten erzählen würden, dann vermute ich, dass Thema Sünde nicht bei allen vorne dran steht. Nicht nur deshalb, weil es ein unangenehmes Thema ist. Es gibt viele, bei denen das Thema Sünde auf dem Glaubensweg lange keine Rolle spielt. Sie begegnen Jesus, entdecken den Glauben, finden ihren Platz in der Gemeinde. Die Frage nach der Sünde muss auch nicht am Anfang stehen. Aber da, wo Menschen Jesus immer näher kennenlernen und mit ihm leben, da entdecken sie früher oder später: Eigentlich passen wir nicht zusammen. Zwischen Jesus und mir ist eine große Distanz. Jesus ist heilig, er gehört zu Gott. Und so wie ich bin, kann ich ihm nicht nahekommen. „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch“ (Lukas 5,8) ruft Petrus erschrocken, als er Jesus begegnet.

Darum geht es. Darum geht es auch bei denen, die ihre Vergangenheit nicht so dunkel darstellen wie Paulus. Auch bei denen, die nicht von sich sagen: „Ich war ein Lästerer und Verfolger und Frevler“. Auch bei denen, die in ihrem Leben nie ganz weit weg vom Glauben waren. Auch sie sollen zu dem Bekenntnis kommen: Jesus nimmt die Sünder an, mich hat er auch angenommen“ (EG 353, 8; E. Neumeister).

Es geht nicht darum, den Menschen zuerst klein zu machen. Niemandem soll eingeredet werden, er sei ein Sünder. Das entdecken Menschen von selbst, wenn Sie Jesus begegnen. Es geht um Jesus, um sein Erbarmen. An Paulus als einem außergewöhnlichen Fall wird gezeigt, dass kein Mensch verloren zu gehen braucht. Schuld kann vergeben werden. Ein Neuanfang ist möglich.

Noch etwas können wir hier sehen: Wo Glaubensgeschichten und die Jesusgeschichte zusammenkommen, werden daraus Berufungsgeschichten. „Jesus hat mich in seinen Dienst genommen“ bekennt Paulus. Er hat mir etwas zugetraut und mich beauftragt. Paulus hatte viele Begabungen. Aber alles das zählte in diesem Fall nicht. Hier geht es nicht um Leistung und Erfahrung. Die entscheidende Qualifikation war: „Jesus hat sich über mich erbarmt“. Jesus hat sich über ihn erbarmt – nicht, um das Erbarmen zu einem privaten Vergnügen des Paulus zu machen, sondern um ihn in seinen Dienst zu nehmen. Manche betrachten ihren Glauben wie einen persönlichen Besitz, den sie vor anderen verstecken müssen. Ja, eine Glaubensgeschichte ist etwas ganz Persönliches. Weil aber immer auch die Jesusgeschichte dazugehört, endet sie nicht damit, dass einer sagt: Nun habe ich meinen Glauben, nun kann ich mich zurückziehen. Jesus hat dem Paulus Vieles zugetraut, er hat mir manches zugetraut, er traut auch Ihnen Vieles zu. Er traut Ihnen zu, von Ihrer Glaubensgeschichte und der Jesusgeschichte anderen zu erzählen. Das Ziel ist, dass andere in ihrem Leben erfahren und entdecken: Jesus hat sich über mich erbarmt. Das Ziel ist, dass noch mehr Glaubensgeschichten daraus werden. Daher beruft Jesus bis heute Menschen und nimmt sie in seinen Dienst. Sie sind wichtig für ihn. Er hat Großes mit ihnen vor.

3.      Noch mehr Glaubensgeschichten

Liebe Gemeinde, dadurch dass die Jesus-Geschichte mit ins Spiel kommt, wird aus der Glaubensgeschichte des Paulus eine „typische“ Geschichte. Eine Geschichte, in der das vorkommt, was typisch für Jesus und sein Handeln ist.

Paulus sagt es so: Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben (16).

Paulus wird zum Vorbild. Ich zögere, von Vorbild zu reden, weil der Begriff nicht ganz passt. Unter Vorbild verstehen wir in der Regel jemand, der uns etwas vormacht und wir versuchen, es nachzumachen. Die Jungs der deutschen Nationalmannschaft sind für viele fußballbegeisterte Jungen Vorbilder – mal mehr, mal weniger. Das ist hier aber nicht gemeint. Wir sollen Paulus nicht imitieren. Wir brauchen nicht erst so tief zu sinken, um glauben zu können. Was typisch an Paulus ist, ist nicht das, was er tut, sondern das, was Jesus an ihm tut. Passender ist es daher, von einem Urbild zu reden. In dem, was Paulus von sich erzählt, entdecken Menschen ihre eigene Geschichte. Was an Paulus vorgebildet ist, wird an mir nachgebildet. Was Paulus erlebt, ist typisch, typisch für Jesus. „Mir ist Barmherzigkeit widerfahren“, Jesus, hat sich über mich erbarmt – das ist eine typische Aussage von Menschen, die Jesus begegnet sind. Typisch Jesus.

In der Glaubensgeschichte des Paulus kann ich meine eigene Glaubensgeschichte entdecken. Es ist eine lange Geschichte. Sie beginnt in einem Bauernhof auf der Schwäbischen Alb, in einem christlichen Elternhaus. Zu ihr gehören Zeiten, in denen ich den Eindruck hatte, nicht dazuzugehören. Ich musste erst entdecken, dass Jesus sich auch über mich erbarmt. Der Weg ging weiter in die evangelische Jugendarbeit und ins Theologiestudium. Ich sehe darin eine Berufung. An meiner Konfirmation wurde mir als Denkspruch das Bibelwort mitgegeben: Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes (1. Petrus 4,10). Dieser Weg führte mich ins Studium, in den Dienst in der Gemeinde und an der Universität. Jahre später führte mich dieser Weg nach Greifswald – und nun wird er mich wieder weg von Greifswald führen. Ich sehe es als Gottes Weg. Ich möchte auch von mir sagen: Jesus hat mich stark gemacht. Er hat mir Vieles zugetraut. Er hat mich in seinen Dienst genommen. Und über dem allem steht: Jesus hat sich über mich erbarmt. Typisch Jesus.

Ich möchte auch Sie anregen, in der Glaubensgeschichte des Paulus Ihre eigene Geschichte zu entdecken. Die Geschichte, über der steht: Jesus hat sich über mich erbarmt. Typisch Jesus.

Glaubensgeschichten führen zum Dank, zum Staunen, zum Lob und zur Anbetung. Mit dem Dank beginnt die Glaubensgeschichte, die Paulus erzählt. Sie mündet ein in das Lob: Dem König, der in alle Ewigkeit regiert, dem unvergänglichen, unsichtbaren, alleinigen Gott, gebühren Ehre und Ruhm für immer und ewig. Amen.

 

Lied: EG 355, 1-5 Mir ist Erbarmung widerfahren

Pfr. Dr. Johannes Zimmermann, Greifswald (johannes.zimmermann@uni-greifswald.de)