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Philip Graffam
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Der Tod hat Macht, Liebe Gemeinde!
Das erfahren wir immer wieder und das haben auch Sie, die sie heute und hier im Gottesdienst sind auf sehr schmerzliche Weise erfahren. Der Tod hat Macht. Er hat die Macht uns die Menschen zu nehmen, die uns so viel bedeuten. Er hat die Macht Lücken in unseren Lebensrhythmus zu reißen, die wir kaum schließen können. Er hat die Macht in uns das Erschrecken der eigenen Vergänglichkeit – der eigenen Endlichkeit vor Augen zu führen. Ja – der Tod hat Macht! Was können wir Menschen dieser Macht entgegensetzten? Können wir überhaupt dieser übergroßen Macht was entgegensetzen? Nicht viel – das wissen Sie!
Gut – wir haben in vielen Lebensbereichen unseres Daseins Bedingungen geschaffen, die die Macht des Todes eindämmen. Die Zentralheizung, Hygiene, Ernährung und die moderne Medizin hat z.B. die Kindersterblichkeit fast eliminiert. Viele der tausend Krankheiten, die früher noch zum Tode führten, sind heute Routinefälle einer flächendeckenden medizinischen Grundversorgung. Und zumindest haben wir in Europa es fertig gebracht fast 60 Jahre in Frieden zu leben – eine Zeitspanne, die es bisher in der Geschichte unseres Kontinentes nicht gegeben hat.
Aber dennoch – die Macht des Todes ist nicht gebrochen! Menschen sterben täglich! Menschen verlassen uns für immer! Und dann wird uns unsere Ohnmacht angesichts des Todes bewusst. Ich möchte Ihnen eine kleine Parabel erzählen, eine Geschichte aus China – die Sie bestimmt schon einmal gehört haben.
Es lebte ein Mann in Sung, der war Bauer. Eines Tages war es mal wieder so weit und der Mann aus Sung bestellte seinen Acker und säte sein Korn aus. Als sein Korn die ersten Halme zeigte, ging er jeden Morgen aufs Feld und zog an den Halmen seines Korns, damit dieses schneller wächst. Eines Morgens, als er wieder aufs Feld kam, lag sein ganzes Korn verdorrt und tot auf dem Acker.
Der Mann aus Sung glaubte dem Leben mehr abzutrotzen zu können, als das Leben ihm bereit ist zu geben.
Er glaubte, wenn er die Halme seines Kornes in die Höhe ziehen würde, dann würden sie schneller wachsen – ihm vielleicht reicheren Ertrag bringen. Vielleicht hatte er gehofft, dass dadurch eine zweite Ernte in diesem Jahr möglich wäre. Seine Ungeduld, seine Gier nach der Macht über das Leben – diese Selbstüberschätzung seiner Kompetenz über das Leben - jämmerlich sind sie geendet. Seine Selbstüberschätzung dem Leben mehr abtrotzen zu können, als das Leben bereits ist zu geben führt zum Verlust des Lebens. Wir haben keine Macht über das Leben. Wir haben keine Macht über den Tod. Sind wir deswegen ein Spielball im Laufe der Zeit? Und was bleibt? Nur Tränen? Bleiben uns nur Tränen am Grabe der Verstorbenen und Tränen am Zielpunkt unserer eigenen Vergänglichkeit? Wer weinen kann, in dem wächst die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Trost. Die Sehnsucht nach Geborgenheit. Die Sehnsucht nach Leben. Und wenn ich das sage, dann denke ich an die vielen Tränen, die im vergangenen Jahr geweint wurden. Viele von Ihnen habe ich auf dem Friedhof begleitet, und ich weiß um Ihre Tränen. Tränen eben weil ein geliebter Mensch gegangen ist. Tränen, weil Hoffnungen zerstört wurden. Tränen angesichts von nicht gelebten Leben und der Erkenntnis des Mannes aus Sung – Erkenntnis, dass wir dem Leben nicht mehr abtrotzen können, was das Leben bereit ist uns zu geben.
Und ich denke auch an die anderen Tränen, die Menschen geweint haben und weinen: weil sie Schmerzen haben oder weil sie durch ihre Krankheit ans Bett gefesselt sind. Tränen weil Beziehungen zerbrochen sind, weil es in der Schule oder mit der Arbeit nicht so läuft. Tränen, weil persönliche Lebenspläne gescheitert sind. Und dazu gehören auch die anderen Tränen, die wir gesehen haben, als der Terror Leben zerstört hat, die Tränen, die Menschen vor Hunger weinen – es lässt sich gar nicht alles sagen; aber jede und jeder wird sich an seine Tränen erinnern. Und auch an die Tränen anderer. ALLE Tränen, Liebe Gemeinde, alle Tränen sind erlaubt. „gib mir die Gabe der Tränen Gott“, sagt Dorothee Sölle in einem Gedicht, „wie kann ich reden wenn ich vergessen habe, wie man weint“. Ein guter Wunsch, denn immer noch fällt es vielen schwer, Tränen zu akzeptieren. „Du musst doch nicht weinen“, ist so ein angeblich wohlmeinender Rat, viele von Ihnen werden ihn kennen. Vor allem wir Männer sind so erzogen, dass man nicht weint. Doch selbst von Jesus wird erzählt, dass er geweint hat, geweint angesichts des Leids, das er auf Jerusalem zukommen sah.
Wie gut, wenn wir unserer Trauer und unserem Schmerz Ausdruck geben können mit unseren Tränen: Denn die Tränen machen uns empfänglich für tröstende Nähe und sie wecken in uns die Sehnsucht nach dem Heil. „gib mir die Gabe der tränen Gott“: Keine Träne ist umsonst, denn Tränen sind die Saat der Hoffnung, sie sind die Sprache der Sehnsucht. Oder läuft unsere Sehnsucht ins Leere angesichts der Macht des Todes? Die Bibel ist voll von Sehnsucht. Bilder, Geschichte, Erzählungen, Visionen. Eine solche sehnsuchtsvolle Vision gibt uns Johannes in der Offenbarung, Kapitel 21.
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.
Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Und der Tod wird nicht mehr sein. Wie ich an diesen Worten hänge. Diese Bilder haben mich nicht mehr losgelassen, sie wecken in mir Sehnsucht. Wenn das doch wahr sein kann: Gott wird abwischen alle Tränen. Siehe, ich mache alles neu. Kann diese Vision des Johannes uns trösten? Johannes liefert keine Beweise; er gibt keine Erläuterungen; er sagt nur einfach: So wird es sein.
Aber so ist es ja auch mit dem Trösten: Denken Sie einmal an ihre Situation, in der Sie Trost erfahren haben – und überlegen Sie: Worin besteht eigentlich Trost? Ich merke: Mich trösten keine klugen Erklärungen, mich tröstet es nicht, wenn jemand sagt: „Du brauchst nicht traurig sein, weil.....“ Mich tröstet es, wenn man mir meine Tränen lässt, und später mich jemand vertrautes einfach in den Arm nimmt, mir meine Tränen wegwischt und mir sagt. Es wird alles gut. Argumente können nicht trösten, wohl aber Nähe und Zuwendung.
„gib mir die Gabe der tränen Gott“: Keine Träne ist umsonst, denn Tränen sind die Saat der Hoffnung, sie sind die Sprache der Sehnsucht. Und unsere Sehnsucht läuft nicht ins Leere, sie findet ihre Erfüllung in Gott.
Das ist die Gewissheit des Johannes. All unsere Hoffnung und Sehnsucht wird zur Erfüllung kommen, wenn Gott uns nahe kommt. Er wird abwischen alle Tränen. Er wendet sich uns zu wie eine Mutter oder ein Vater dem weinenden Kind. Er sieht uns an und berührt uns mit seiner Liebe.
Und das heißt: Gott lässt uns nicht allein mit unseren Tränen und unserem Schmerz. Er sagt nicht: Ich kann deine Tränen nicht sehen. Er wischt die Tränen ab, und es wird alles neu. Und das meint jetzt nicht den billigen Trost, den wir zu oft hören: Das Leben geht weiter; irgendwie wird es schon werden. Nein – Nein – Nein
Alles wird anders, nichts geht so weiter wie immer. Gottes Welt ist nichts für die, die immer alles noch mehr, noch besser, noch schöner, noch schneller haben wollen und an den Halmen unseres Lebens ziehen. Das ist ein Widerspruch gegen die bestehenden Verhältnisse, wenn Gott sagt: Siehe, ich mache alles neu. Ganz anders wird es sein. Wie Gott die Tränen abwischt, so wird bei Gott alles Leid, ja, sogar der Tod weggewischt sein.
So macht mir die Vision des Johannes Mut. Mut durchzuhalten, wo ich gern sagen würde: Es hat doch keinen Zweck. Mut, das Leiden anderer Menschen zu sehen, mitzuleiden und mitzuhelfen, wo ich kann. Mut, auch kleine Schritte zu versuchen. Mut, um für bessere Verhältnisse in unserem Land zu kämpfen, auch wenn das Gefühl alles sei schon in Sack und Tüten sehr stark ist.
Ja – auch Mut, wenn wir scheitern: „gib mir die gabe der tränen gott“: Denn neuen Himmel und die neue Erde können wir nicht herbeizwingen. Wir leben immer noch auf dieser alten Erde. Wir leben unser Leben mit all seinen Brüchen, mit den Verletzungen und Trennungen. Und wir wissen: Dies Leben ist vergänglich. Aber ich kann dieses unvollkommene Leben bejahen im Licht der Hoffnung auf das neue.
Es kann Mut machen, daran zu glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat über unser Leben. Auch der Tod wird nicht mehr sein. Der Totensonntag ist kein trostloser Tag. Totensonntag hat schon den Blick in die Ewigkeit. Die Ewigkeit Gottes. Der neue Himmel scheint schon vor auf unsere alte Erde. Leben wird sein. Leben dem Leben.
Ich möchte da nicht mehr zittern und sagen: Der Tod hat Macht. Ich möchte mich einfach auf Gott verlassen, mir von ihm die Tränen abwischen lassen, bei ihm Trost finden.
Gott berührt mich mit seiner Liebe; das kann ein Wort sein, das mich anrührt, oder die Begegnung mit einem anderen Menschen oder ein Ereignis, das mich bewegt. Und darin lässt sich erahnen, was einmal sein wird. So kann ich mutig durch das Leben gehen und mit Dietrich Bonhoeffers Worten bete ich:
„Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last; ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen, das Heil, für das du uns bereitet hast.“ AMEN
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