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Predigt mit 1. Mose 31, 23-33 - Abschluss der Bibelwoche 2010 Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen 23 Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, 24 nahm sie und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte, 25 und blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. 26 Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. 27 Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. 29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. 30 Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. 31 Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen und doch wurde mein Leben gerettet. 32 Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte. 33 Daher essen die Israeliten nicht das Muskelstück auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag, weil er auf den Muskel am Gelenk der Hüfte Jakobs geschlagen hatte.
Liebe Gemeinde, wir haben in unserer Bibelwoche Einblick in eine Familiengeschichte genommen. Eine Familiengeschichte, die – wie jede andere Familiengeschichte auch, Schwächen, Brüche, Unzulänglichkeiten, Verrat und Betrug enthält; aber auch Versöhnung und Segen. Jakob steht im Mittelpunkt dieser Familiengeschichte. Jakob. Kein strahlender Held mystischer Verehrung – sondern ein Mensch, wie er menschlicher nicht sein kann. Anfangs ist es die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Brüder. Jakob und Esau. Zwillinge. Schon im Mutterleibe kämpfen sie und schon bei ihrer Geburt hält Jakob die Ferse seines Zwillingsbruders fest um deutlich zu machen: Eigentlich bin ich der Erste! Jakob ist der, der einen Plan fürs Leben verfolgt. Sein Bruder Esau lebt mehr für den Moment. Jakob ist der Liebling seiner Mutter Rebekka – Esau der Liebling seines Vaters Isaaks. Die Mutter treibt die Geschichte Jakobs mit an. Aber auch Jakob ist nicht untätig. Er kauft das Erstgeburtsrecht seines Bruders ab, in dem er ihm ein Linsengericht kocht. Esau – vom Heißhunger getrieben lässt es geschehen, ohne dabei an die Konsequenzen zu denken. Und dann – dann betrügt Jakob noch seinen Vater. Als dieser blind auf dem Bett liegt – da spielt Jakob ihm vor, er sei Esau und erschleicht sich so – wieder angetrieben von der Mutter – den Segen seines Vaters. Herrschen soll er. Auch über seinen Bruder Esau. Land und Nachkommen und großer Reichtum bekommt er in Aussicht gestellt. Ein Segen in vollem Umfang. Und als der Betrug herauskommt ist es für Esau zu spät. Sein Bruder hat, was er haben wollte. Das Recht der Erstgeburt und den Segen des Vaters. Nur noch eines hat Esau im Sinn. Rache. Rache für den Betrug. Und so muss Jakob fliehen. Und Jakob flieht und auf seiner Flucht hat er einen Traum. Gott spricht zu ihm im Traum. Und verheißt ihm segenvolles. Nämlich Land, zahlreiche Nachkommen, Reichtum und Segen – ja mehr noch: Er spricht ihm erneut die Herrschaft über eine großes Volk zu. Der Betrüger erfährt den Zuspruch Gottes. Dann kommt Jakob zu Laban, dem Bruder seiner Mutter – verliebt sich dort in die schöne Tochter Rahel. Sieben Jahre dient er Laban um Rahel als Frau zu gewinnen und wird dann selber betrogen. Laban jubelt ihm seine ältere Tochter Lea unter. Doch die Liebe Jakobs zu Rahel ist stark und so dient er sieben weitere Jahre. Dabei kommt er zu Reichtum – kann eine Familie ernähren. Große Viehherden, 11 Söhne, Macht und Einfluss. Und so trifft Jakob wieder auf seinen Bruder Esau und die beiden versöhnen sich. Als Jakob von seinem Reichtum Esau geben will, sagt dieser: Nein, ich habe genug. Und so trennen die beiden sich. Jakob steht nun vor der Erfüllung des Segens. Und am Ende der Straße steht ein Haus am See. Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg. Ich habe 20 Kinder, meine Frau ist schön. Alle kommen vorbei, ich brauch nie raus zu gehen! So singt Peter Fox in seinem Lied „Haus am See“ und drückt damit die Ursehnsucht des Menschen nach Ganzwerdung und Erfüllung des Daseins aus. Ein Stück Land, Nachkommen, Sicherheit und Frieden. All das hat Jakob erreicht! Und Gott? Am Anfang – vor der Geburt – erfuhr die Mutter Rebekka bereits, dass es so kommen wird. Jakob wird sowohl vom Vater, als auch von Gott gesegnet. Doch da war doch noch das Herrschen. 14 Jahre hat er bei Laban gedient. Später seinen Söhnen! Das Leben des Jakob war niemals ein Herrschen in Sinne von Macht und Geltung. Herrschen im biblischen Sinne heißt immer den Menschen zu dienen. „Ich bin nicht in die Welt gekommen um mir dienen zu lassen, sondern um zu dienen!“ wird Jesus Christus später sagen. Gottes Hand greift in subtiler Weise in die Geschichte des Menschen ein. Jakob hat alle Freiheit den Weg für seinen Lebensentwurf einzuschlagen – aber an bestimmten Phasen seines Lebens bekommt er eine Korrektur und im Rückblick ist die lenkende Hand Gottes zu erkennen. Und dann? Dann kommt ein ganz neuer Aspekt dazu. Wir haben es in der zweiten Lesung gehört. Jakob kämpft. Muss kämpfen. Er hatte seine ganze Familie und sein ganzes Habe über den Fluss gebracht. Bleibt allein zurück – und muss kämpfen. Kämpfen mit – ja mit wem? Am Anfang heißt es nur: „da rang ein Mann mit ihm“ am Jabbok. Warum am Jabbok? Ist das hier ein Namensspiel? Soll der Flussname auf den Namen Jakobs anspielen? Ringt Jakob hier gar mit sich selbst. Mit seinem Leben? Kann er erst den Fluss überkehren, wenn er mit seinem alten Leben abgeschlossen hat. Jakob selbst erkennt in diesem Mann das Angesicht Gottes. Es ist die zweite Gottesbegegnung Jakobs. Die erste geschah im Traum. Dort begegnet ihm Gott es der, der Jakob seinen Schutz auf dem Weg in die Fremde zusagt, reiche Nachkommen, Landbesitz und die Rückkehr verheißt. Hier der geheimnisvolle Gott, der mit dem Heimkehrer kämpft, ihn verletzt und zugleich rettet. Dort der Gott, der Jakob eine große Zukunft verheißt, hier der Gott, der den Kampf mit Jakob sucht und ihn nur hinkend in den Morgen entlässt. Dort der Gott, der sich mit seiner Verheißung offenbart. Her der Gott, der sich als namenloser „Mann“ hinter der Maske eines Angreifers verbirgt. Und doch ist dieser geheimnisvolle Gott mit den beiden Gesichtern ein und derselbe, der mit Jakob kämpft, ihm den Namen Israel gibt und ihn rettet und segnet. Das erstaunliche dieser Geschichte aber ist, dass dieser Gott sich von Jakob-Israel besiegen lässt. Wäre es nicht ein Leichtes gewesen, dass Gott Jakob hier überwindet? Ein Ende setzt diesem Betrüger und Erstgeburtsstehler, diesem Erbschleicher? Ja Gott fleht sogar, Jakob möge ihn lassen, denn der Morgen graut. Und wiederrum erbittet Jakob seinen Segen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Was das nicht das Großartige, Unvergleichliche an Jakob, dass er selbst dann noch an Gott festhielt, sich geradezu an ihn klammert, als er es mit seiner dunklen, abgründigen Seite zu tun bekam? Wie viel Verzweiflung, wie viel Mut, wie viel Hoffnung gehören dazu, Gott nicht einfach fahren zu lassen, ihm selbst dann noch einen Segen abzuringen, wenn er sich dem Menschen und seinen Plänen bedrohlich in den Weg stellt? Die erste Begegnung mit Gott – ein Traum! Die zweite Begegnung ein Kampf! Liebe Gemeinde, ich denke, dass hier die zwei Pole unseres Lebens stehen. Der Traum und der Kampf. Die Träume von einem Erfüllten Leben sind keine Schäume, wie der Volksmund uns oft weiß machen will. Der Traum von einem erfüllten Leben ist vielmehr die Antriebsfeder – der segensreiche Weg seine Schritte in die Welt zu wagen. Ohne Träume sind wir hoffnungslos verloren in den Realitäten unsers Lebens. Wie sollen wir denn eine Zukunft gestalten, wenn wir den Träumen unseres Lebens keinen Raum gewähren? Doch die Erfüllung eines Traums ist nicht einfach das Umlegen eines Schalters und schon sind wir dort, wo wir uns im Traum sehen. Die Erfüllung eines Traumes ist ein langer, steiniger Weg. Ein Weg mit Entbehrungen, Rückschlägen und auch Niederlagen. Am Ende der Straße steht ein Haus am See – doch die Straße dorthin muss gegangen werden. Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg – doch sie verdecken erst die holprigen Pfade, nachdem wir die Orangenbäume auch gepflanzt haben. Ich habe 20 Kinder, meine Frau ist schön, alle kommen vorbei, ich brauch nie rauszugehen – Nur wenn wir unseren Nachkommen gedient haben, ihnen den Weg ins Leben eröffnet haben, können wir in die segensvolle Gemeinschaft der Familie genießen.
Das Leben ist ein Kampf! Mit Gott, mit uns selbst. Gottes Allmacht liegt aber in der Ohnmacht. Es ist die Macht der Liebe und der Hingabe für andere. Es ist die Liebe zu Jakob, die Gott hier verlieren lässt. Mehr noch. Jakob wird zu Israel. Es ist die Liebe zu dem auserwählten Volk Gottes, die Gott hier verlieren lässt. Mehr noch. Durch Jesus Christus sind wir hineingenommen in die Kindschaft Gottes. Und hier ist es wieder die Niederlage, die Liebe der Hingabe, die den Kampf im Leben bestimmt. Im Tode Jesu – in seinem Leiden, dass wir zurzeit in der Passionszeit bedenken, erfährt der Kampf Jakobs, der Kampf des Heiligen Gottesvolkes, unser Kampf seine Aufhellung. Gottes Allmacht zeigt sich in der Gnade und gerade in seinem Willen zum Machtverzicht. Aber Jakobs Kampf bleibt nicht ohne Spuren. Er wird verletzt – die Hüfte wird ihm ausgerenkt, dann beginnt er zu hinken. So hinkt der an der Hüfte von Gott verletzte und gerettete Kämpfer in einen neuen Morgen. Es ist ein altes Motiv des Alten Orients, die Hoffnung auf und der Glaube an die Rettung am Morgen nach einer langen und durchkämpften Nacht. Die jüdische Auslegung erkennt in dem Hinken Jakobs noch mehr. Einen Tanz. Es ist wie ein Tanz. Der hinkende tanzt den Tanz des Lebens – des Lebens, wo Gott uns führt. Friedrich Hölderlin schreibt: Ich habe so oft erfahren, wie ein Zuruf, der aus dem Heiligtume unserer Seele kam, in tiefer Betrübnis uns beglücken und neues Leben, neue Hoffnung schaffen kann. Amen |