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Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen; darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen.
Das Evangelium als Kraft Gottes Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« (Römer 1,14-17)
„Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Dieser Satz, Liebe Gemeinde, hat Weltgeschichte geschrieben. Vor knapp zweitausend Jahren war es ein Ausdruck eines Glaubens- und Lebensgefühles. Paulus beschreibt den Römer etwas, das er selber erfahren und durchlebt hatte. Für Luther war es der Grundstein für seine große reformatorische Entdeckung. Es war einer jener Sätze, die die Reformation maßgeblich beeinflußte und zur Grundlage unserer evangelischen Kirche wurde. Allein der Glaube an Gott und die Erlösung durch seinen Sohn, Jesus Christus, und nicht das fromme Werk des Einzelnen ist das entscheidende, Liebe Gemeinde! War es zur Zeit Luther theologiegeschichtlicher Sprengstoff, so erscheint es heute manchmal so, als ob es eigentlich egal wäre. Ja, ganz im Gegenteil: Das Tun des Menschen, sein tägliche Bemühen und Engagieren ist wieder in den Vordergrund getreten.
„Die tun immer so fromm, können schön reden, aber so richtig etwas bewirken können sie nicht.“ So hört man es oft, wenn Menschen über die Kirche und deren Mitglieder sprechen! Aber hier, bei Paulus im Römerbrief haben wir es Schwarz auf weiß. „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Das heißt doch, daß da nichts weiter getan werden muß, als zu glauben, wenn man vor Gott Gerechtigkeit erfahren will. Und das war ja auch eines der Anliegen Luthers. Die Ablaßbriefe z.B.. Nicht wenn das Geld in der Kasse klingt, die Seele in den Himmel springt. Nein, allein der Glaube ist entscheidend.
Können wir die Hände in den Schoß legen und brauchen dann nur noch glauben? Können wir uns frei machen von jeglichem frommen Werk und uns innerlich auf die Aussage: „Ich glaube an Gott“ zurück ziehen? Sie wissen es, Liebe Gemeinde, daß dies nicht der Sinn sein kann, denn der Glaube ist mehr, als nur dieses Gefühl, daß man in sich trägt und das einem die Gewißheit gibt, daß man nicht nur ein Produkt des Zufalls ist. Der Glaube vermittelt einem nicht nur die Gewißheit, daß da jemand ist, dem ich meine Existenz zu verdanken habe und daß die Welt von einem intelligenten Wesen geschaffen sein muß.
Nein, jeder Glaube hat Inhalte. Und diese Inhalte geben Hilfen, sprechen Mahnungen aus, formulieren Bitten und rücken das eigene Leben so zu recht, daß man aus dem Glauben heraus auch handelt. Somit ist der Glaube Orientierung auf meinem Weg durchs Leben und Orientierung auch in meinem Tun.
Wir alle sind erschüttert von den Bildern in Haiti. Menschen sterben – zu tausenden. Sie sterben, weil die Erde bebete. Sie sterben, weil die Gewalt der Natur so übermächtig ist, dass der Mensch ihr nichts entgegensetzen kann. Sie sterben aber auch, weil Haiti ein furchtbar armes Land ist; weil die Infrastruktur viel zu schwach ausgeprägt ist. Sie sterben, weil die Helfer nicht durchkommen; weil es an einer ordnenden Kraft fehlt. Sie sterben aber auch, weil der Welt kurz vor dem Erdbeben Haiti egal war. Sie sterben, weil der Mensch die Not des anderen immer erst dann erkennt, wenn es zur Katastrophe kommt.
Im Moment rückt die Welt wieder zusammen. Hilfsorganisationen, Staaten, Stiftungen, Bürger wie Du und ich – sie alle wollen helfen und tun es auch. Jeder so, wie er es kann. Und das ist auch gut so! Doch wie lange schaffen wir es, diese furchtbare Not im Blick zu haben. Bis die Bilder aus Haiti verschwienden? Die Neugier der Nachrichten nachlässt? Anfangs ist es die Top-Nachricht! Im Laufe der Nachrichtensendungen rutscht das Thema immer weiter nach hinten. Dann kommen neue Bilder und neue Nachrichten in den Vordergrund. Die Not der Menschen in Haiti bleibt, aber nicht mehr in unserem Bewusstsein. Kann die Welt aus solchen Erfahrungen lernen?
Eine erschreckende Erfahrung ist auch, dass es immer wieder Menschen gibt, die aus einer solchen Katastrophe ihren Profit ziehen. Beamte, die sich bestechen lassen, damit sie helfen. Taxifahrer, die hundert Dollar für eine einfache Fahrt verlagen. Plünderer und Schieber, die die Bedürfnisse der Menschen als lokratives Geschäft erkennen. Aber auch Hilfsorganistionen und Projektleiter ringen um Vormachtstellungen und Anerkennungen. Nun gehört es zu den Erfahrungen des Lebens, daß erst etwas getan werden muß, wenn man Anerkennung erreichen will. Der Junge, der in die Klicke aufgenommen werden möchte, muß eine Mutprobe bestehen. Der Musiker muß vorspielen; bei der Bewerbung ist entscheidend, was wir für Leistung vorher erbracht haben.
Paulus spricht da anders. Er spricht davon, daß er sowohl den Griechen als auch den Nichtgriechen, den Weisen und Nichtweisen etwas schuldig ist. Nämlich gerade das zu sagen, was bei Gott anders ist. Ob du Grieche bist, was damals bedeutete, daß du gebildet bist oder ob du Nichtgrieche bist, also nicht so gebildet; ob du Waise bist oder nicht; sprich, ob du bedürftig bist oder nicht; es ist egal, denn das Evangelium ist für jeden bestimmt. Du brauchst keine Leistung vorher erbringen. Gott und Jesus nehmen dich so, wie du bist. Ja noch mehr, du kannst Gott nicht bestechen, in dem du dir ein Konto mit guten Taten anlegst. Deine Hilfe für Haiti sollte daher ohne Kalkül und ohne Ansehen der Person sein. Kann die Welt aus solchen Erfahrungen lernen? Dazu ein Beispiel:
Da gibt es zwei sehr gute Freunde. Und wann immer der eine die Hilfe des anderen brauch, so weiß er, daß er sie auch bekommen wird. Die Freundschaft war vorher da. Einmal sagte der eine zum anderen: Was ich jetzt von Dir erbitte ist vielleicht zuviel verlangt. Ich möchte dir vorher sagen, daß du dies aber nicht zu machen brauchst. Da antwortete der andere zu Ihm: „Ich weiß, daß ich es nicht machen muß und gerade weil ich es weiß, tue ich es gern.“ Die Hilfe, die er ihm gibt, gibt er ihm aus Freundschaft und nicht um seine Freundschaft zu erreichen. Doch gerade weil sie gute Freunde sind, gerade darum hilft er ihm sehr gern.
Da sind die Armen Länder dieser Welt. Als Weltgemeinschaft müssten wir begreifen, dass wir Frieden und Verbindungen vorher brauchen. Nicht erst in der Katastrophe. Wir brauchen Weltweit ein Klima der Verständigung und des gegenseitigen Respekts. Nun können wir nicht etwas von der Welt erwarten, wenn wir als Christen nicht bereit sind, es vorzuleben. Und das fängt im Kleinen, in der eigenen Stadt, im eigenen Ort, in der eigenen Nachbarschaft an.
Gott will und braucht nicht erst unser frommes Werk, damit er uns seine Gerechtigkeit schenkt. Er befreit uns durch seine Gerechtigkeit aus Glauben zum Glauben. Es befreit uns als mündige Christen zu leben. Und aus dieser Befreiung heraus sind wir in der Lage selber Gerechtigkeit zu üben; sprich wir können uns für den Nächsten einsetzen, den Kranken besuchen, Gebete sprechen, dem Nächsten einen Dienst erweisen. Und wir können dann auch den Blick noch weiter schweifen lassen. Nicht nur in unserem direkten Umfeld, sondern auch in andere Länder. Sorge tragen für andere. In diesem Fall Haiti.
Wir können ein Erdbeben nicht moralisch hinterfragen. Ist es Gottes Zorn, der da spricht? Wir können ein solch ein Erdbeben nur als Quelle einer bitteren Erfahrung und eines Lernprozeßes begreifen. Wir müssen begreifen, dass alle Menschen – außnahmslos alle Menschen – Kinder Gottes sind. Und Gott ist ein Liebender. Und darum ist Gott auch eifersüchtig. Tun wir etwas, sei es für Haiti, sei es für unseren Nachbarn, dann drücken wir auch damit aus, wo unser Herz hängt. Lieben wir das Geld über alles, so betrügen wir vielleicht. Lieben wir die Macht zu sehr, so drücken wir andere bei Seite. Haben wir allen Glauben verloren, so ist uns der andere egal. Um Christ zu sein, um von Gott angenommen zu werden, da brauche ich keine hohe Bildung, keinen hohen Stand, keine großartigen Talente. Ich muß nicht in den Flieger steigen und Verschüttete retten oder 10 mal am Tag das Vater unser beten. Ich brauch nur Ich zu sein, denn dann bin ich bereits angenommen. Gott schenkt uns seine Liebe und als Liebender will er auch geliebt werden. Und Gott lieben heißt seinen Nächsten lieben. „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ So laßt uns leben im Glauben an Gott, im Glauben an seine Liebe und im Bewusstsein, dass Alle Menschen Kinder Gottes sind. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.
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