Predigt mit Johannes 8,12-16 - 2. Weihnachtstag 2010

Pfarrer Philip Graffam

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

Kurz bevor ich diese Predigt entwarf, stöberte ich im Internet herum und fand einen Satz, der mich zum nachdenken brachte: Es war eine Grußkarte zu Weihnachten. Der erste Satz, der groß geschrieben über ein paar persönlichen Zeilen stand, lautete: „Mach's wie Gott - werde Mensch!" Ich muss zugeben, beim ersten Lesen hat mir dieser Spruch nicht gefallen. Ich fand ihn zu plakativ und irgendwie albern. Das war meine erste Reaktion, aber ich muss zugeben, dass dieser markante Satz sich in mir festsetzte und ich bis heute immer wieder über diese Aufforderung nachdenken muss: „Mach's wie Gott -werde Mensch!" Bedeutet das etwa, dass wir erst Gott besser kennen lernen müssen, um uns selbst zu verstehen? Ist das unsere Weihnachtsaufgabe: Auf Gott blicken, um selber menschlich zu werden? Der Predigttext für den heutigen Feiertag sagt uns viel über Gott und uns:

Textlesung: Johannes 8,12-16:

Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. 13 Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr. 14 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wißt nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe. 15 Ihr richtet nach dem Fleisch*, ich richte niemand. 16 Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; denn ich bin's nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat.

 

Jesus verheißt Licht

„Ich bin das Licht der Welt!", sagt Jesus und all die weihnachtlichen Kerzen und Lichter wollen uns daran erinnern: Auch in der Dunkelheit ist Licht! Diejenigen, die damals die Worte des Evangelisten Johannes hörten, haben noch ganz anders als wir heute gewusst, was Licht für das Leben bedeutet. Sie waren angewiesen auf das Sonnenlicht. Elektrisches Licht gab es nicht, Öllampen und Talglichter waren ein Luxus. Verging der Tag, kam die Dunkelheit und mit ihr die Unsicherheit. Die Nacht schien voller Dämonen. Jeder Morgen war ein neuer Anfang und ließ die Menschen spüren: Alles Leben braucht Licht, ohne Licht sind wir verloren. Johannes sagt: „Gott ist in Jesus auf diese Welt gekommen. Er ist das Licht für die Welt." Die Menschen damals haben verstanden, dass hier etwas ganz Außerordentliches gesagt wird. Doch kann man von einem Mensch sagen, er sei das Licht der Welt? Die Weggefährten Jesu haben schnell gemerkt, dass Jesus eine Kraft hat, die nicht von dieser Welt ist, die ihn mit Gott verbindet. Und sie haben gespürt: Da, wo wir mit Jesus auf dem Weg sind, haben wir Anteil an seinem Licht! Aber nicht alle haben so reagiert. Manche, besonders die Pharisäer in unserem Text, haben es als Zumutung verstanden, dass Jesus als das Licht der Welt empfunden wird. Für sie war das Gotteslästerung.  So war es damals und so ist es auch noch heute: Wenn Gott sich in Jesus Christus in diese Welt begibt, geraten alte Sicherheiten ins Wanken. „Wer mir nachfolgt", sagt Jesus, „wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben." Das heißt für mich auch: Es ist immer ein Neuanfang möglich. Jesus nachfolgen, kann heißen: Neue Schritte tun, sich befreien von Ängsten und Gewohnheiten, die allzu sehr eingeengt haben. Wer nachfolgt, geht in eine neue Richtung, tritt aus der Finsternis in das Licht. Zweimal hören wir im Predigttext das etwas altmodische Wort „Wandeln". Es macht uns darauf aufmerksam, dass Leben heißt, unterwegs zu sein. Auch wenn wir Menschen uns meistens Beständigkeit wünschen, erleben wir immer wieder: Das Leben bringt Veränderung. Das ist oftmals schmerzlich. Aber es kann uns auch befreien aus den Erstarrungen, die uns stören in unserer Lebendigkeit. Jesus lädt uns ein, in seinem Licht zu wandeln, also unser ganzes Leben mit all seinen Veränderungen in seinem Licht zu sehen.

 

Jesus richtet nicht

Die Pharisäer konnten das Licht in Jesus nicht erkennen. Sie waren gefangen in ihren Denk- und Glaubenssystemen. Als strenggläubige Menschen fühlten sie sich zuständig für die Einhaltung von Recht und Gesetz, Sitte und Moral. Ihr Leben war ein einziges Bemühen, durch die Einhaltung der Gebote Gott näher zu kommen. Da wurden eigene Fehltritte und die anderer hart verurteilt. Jesus lehnt diese Art des Verurteilens ab. Er spricht von seinem Gericht, das in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes steht. Wie geht es Ihnen damit, an einem so besinnlichen Festtag vom Gericht zu hören? Ich weiß durch viele Seelsorgegespräche, dass es oft die ernsthaft bemühten Menschen sind, die sich mit dem Gedanken  quälen. Bin ich auch gut genug? Bin ich Ok – so wie ich bin? Tue ich nicht viel zu wenig? Andere lassen solche Gedanken gar nicht mehr an sich heran kommen. „Ich bin, wie ich bin. Akzeptiere mich so und versuche nicht mich zu ändern!“ Wer hat Recht? Das wissen wir nicht. Klar aber erscheint mir eines: So etwas wie Gericht geschieht ganz von selbst immer dort, wo das Licht erscheint und das Dunkel erst erkennbar macht. Das Licht der Welt ist ein Angriff auf die Finsternis.

Und es ist zunächst einmal viel Dunkles, was bei Lichteinfall zu Tage tritt. Scheint das ein Widerspruch zu sein? Dass wir das Dunkel erst durch Licht erkennen? Von Martin Luther wissen wir, dass er kostbare Jahre seines Lebens als ein entsetzliches Wandeln in Finsternis und Ungewissheit erlebt hat. Den Lichtblick, der ihn da herausführte, beschreibt er später so: „Mein Lichtblick war das Vertrauen in den, der von sich sagt, dass er das Licht der Welt sei. Das gibt unerschütterliche Gewissheit, weil Jesus uns selbst entreißt und uns außerhalb von uns selbst hinstellt." Gemeint ist damit Folgendes: Ich finde den Sinn und die Bestimmung meines Lebens nicht in mir und in meinem Selbst. Ich kann mich auch nicht immer auf mein Empfinden verlassen. Das wankt und schwankt, je nach dem, wie es mir gerade geht. Da muss etwas außerhalb meiner selbst sein, was mir Halt und Orientierung gibt. Halt und Orientierung gibt mir das Versprechen Gottes. Das Versprechen Gottes, dass mein Leben gewollt ist. Das kennen wir doch alle: Durch eine Liebeserklärung, die einen ins Herz trifft, wird man ein anderer. Durch die Erfüllung eines langersehnten Wunsch, wird man ein anderer. Und indem Gott mich will, bekommt mein Leben eine ganz neue Bedeutung. Da ist einer, der mich beachtet und auf mich Acht gibt. Da ist einer, dem ich etwas wert bin. Das hält mich und verleiht meinem Leben einen ganz neuen Sinn. Jesus will auch das Licht für mich sein! Von Bertolt Brecht stammen die bitteren Worte: „Und die einen sind im Dunkeln, und die anderen sind im Licht. Doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht." Auch als Christinnen und Christen erleben wir das immer wieder in unserem Leben. Aber Weihnachten soll für uns ein Hoffnungszeichen sein. Da ist noch eine andere Wirklichkeit, Gottes Wirklichkeit. Das weihnachtliche Licht strahlt in die Dunkelheit hinein - und will uns allen den Weg zum wirklichen Leben weisen. Das wirkliche Leben? Ich glaube, wir erspüren es dort, wo wir fühlen: Hier ist mein Platz, ich habe eine Aufgabe. Das wird uns nicht immer gelingen und auch das Gefühl des Versagens werden wir ab und zu haben. Aber wenn Christus sagt: „Ich richte niemand!", dann höre ich: In meinem Licht bist du sicher! Jesus richtet auch uns nicht: Er blickt tiefer in uns und sieht trotz all unserer Fehler unsere Sehnsucht nach dem Guten und Richtigen. Wenn ich das glauben kann, fühle ich mich frei und bekomme neuen Mut zum Leben - diesem wunderbaren und schönen, verwirrendem und mühsamen Leben.

 

Weihnachten feiern

Heute feiern wir Weihnachten und lassen uns erinnern: Jesus kommt aus der Liebe Gottes zu uns, um uns zu zeigen, dass unser Leben gewollt ist. Auch für uns gibt es einen Platz, Grund genug für Lebensmut und Hoffnung. Auch wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen, nicht an Weihnachten und wohl auch sonst nicht. Wir werden von Jesus herausgelockt aus unseren Erstarrungen. Ermutigt, neue Wege zu gehen. Und wir können uns auf die Begrenzungen unseres Lebens und unserer Lebenszeit einlassen, weil unser Leben dermaleinst in die Weite und das Licht Gottes eingehen wird. Am Ende steht Jesus und ruft uns aus dem Tod heraus. Der Tod ist eine Geburt ins neue Leben. Erinnern Sie sich an den Spruch der Weihnachtskarte? „Mach* es wie Gott, werde Mensch!" Gottes Licht und Segen werden uns begleiten auf dem langen Weg zum Menschsein. Gott, der im Stall von Bethlehem Mensch geworden ist, will uns sicher durch alle Irrungen und Wirrungen unseres Lebens führen! AMEN