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„Gottesdienst mal anders“ – Ein starkes Stück Leben
Philip Graffam
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr. Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Johannes 14,1-4)
Liebe Gemeinde,
Ein starkes Stück Leben. Dieser Ausspruch – dieser Gedanke für den heutigen Gottesdienst fiel mir ein, als ich über die Verbindung von Fußball-Weltmeisterschaft und Kirche nachdachte. Ja - in Südafrika ist Fußball zurzeit ein starkes Stück Leben.
Ein starkes Stück Leben deshalb, weil sich in jedem großen Sportereignis – und im Fußball ganz besonders, die großen Emotionen von Menschen verdichten. Hoffnung, Freude, Enttäuschung, Stolz und Niedergeschlagenheit. Erwachsene, hartgesottene Menschen wie die Fußballer Italiens fangen an zu weinen, als es fest stand, dass sie ausgeschieden waren. 800 Millionen Zuschauer Afrikas jubelten und waren ganz aus dem Häuschen, als feststand, dass Ghana es ins Achtelfinale geschafft hatte.
Ein starkes Stück Leben. Wann spüren wir eigentlich das Leben, Liebe Gemeinde? Na immer, würden Sie jetzt vielleicht spontan sagen. Jeder Tag ist doch ein Stück Leben. Nein – meine Frage ist aber anders motiviert. Wann spüren wir wirklich ein Stück Leben. Wann merken wir, dass wir so richtig lebendig sind? Doch wohl immer dann, wenn große Emotionen im Spiel sind.
Wir spüren beispielsweise das Leben, wenn große Freude uns überfällt. Bei der Geburt eines Kindes z.B. – oder wenn wir etwas Großes geschafft haben – eine Prüfung positiv überstanden haben oder eine Aufführung gut gelaufen ist. Wenn ein Freund oder eine Freundin, die wir lange nicht gesehen haben, plötzlich sich wieder meldet oder gar auftaucht. Ja – bei großer Freude spüren wir das Leben.
Und natürlich auch bei großem Schmerz. Schmerz in ganz banalen Zusammenhängen, wenn z.B. Deutschland gegen Serbien verliert und natürlich auch in existenziellen Dingen. Wenn der Schmerz sich unter die Lider setzt und nach unserem Herzen greift, weil wir einen geliebten Menschen verloren haben – oder weil etwas für uns verloren gegangen ist, dass wir nicht wiederbekommen.
Und wir spüren das Leben immer besonders dann, wenn uns etwas berührt. Das Schicksal eines anderen Menschen z.B. oder eine eindrucksvolle Lebensgeschichte.
Aber auch körperliche Berührung lässt uns das Leben besonders spüren. Nicht umsonst ist der Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Liebenden so wichtig, dass Streicheln des Kopfes eines Neugeborenen – denn dann, in diesem ganz besonderen Moment, spüren wir das Leben sehr intensiv.
Das Leben! Haben wir es gewollt, das Leben? Eines Tages wurden wir geboren. Keiner hat uns gefragt, ob wir es wollten. Und dennoch beginnt das Leben mit unserer Geburt und man fängt an seinen Weg zu gehen. Als Säugling und Kleinkind sind wir noch sehr auf die Hilfe der Erwachsenen aus unserem Umfeld angewiesen. Dann gibt es auf einmal einen Bruch im Leben eines Kindes. Das Bewusstsein schärft sich – das Kind – der Mensch – er fängt an zu begreifen was Gut und Böse ist. Die Bibel beschreibt diesen urtypischen Vorgang beim Menschen mit dem Sündenfall in der Schöpfungsgeschichte.
Eva – das Leben – greift nach dem göttlichen und gibt es Adam – dem Menschen. Erkenntnis. Erkenntnis von Gut und Böse. Der erste Schritt in die Freiheit des Lebens. Und wann immer wir in unserem Leben Entscheidungen treffen, spüren wir das Leben ganz besonders. Sind wir zurückgeworfen auf das Leben – selbst überlassen mit der großen Last der Freiheit? Nein – Gott hat uns dafür eine Ordnung überlassen. Eine Segensordnung, nach der wir leben können oder nicht. Die Verheißung die Gott hinter seine Lebensordnung stellt, ist ein erfülltes, gesegnetes Leben. Das ist seine große Zusage für unser Leben. Und unsere große Freiheit. Ein starkes Stück Leben liegt also im Worte Gottes! In seinen Geboten, in seinen Angeboten ein Lebensform zu finden, die es wert ist, ewig zu dauern.
Ja, aber wir wissen es alle selbst. Wann gelingt es uns wirklich nach den Segensordnungen Gottes zu leben? Nehmen wir doch nur mal die 10 Gebote als Beispiel. Wie oft haben wir andere Götter neben Gott, waschen am Feiertag unsere Wäsche, sind unflätig unseren Eltern gegenüber, beneiden unseren reicheren Nachbarn, lügen bei der Steuererklärung und reden falsches Zeug über unseren Nächsten. Es menschelt ganz schön in unseren Beziehungen und gerade dann – ja dann spüren wir das Leben ganz besonders; oft tut es uns leid – manchmal aber auch nicht. Sprichwörter fallen uns dazu ein; wie: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“ oder „Der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach.“ Oder wie sang einst Udo Lindenberg? „Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu!“
Doch was tun mit dem Dilemma Leben, wenn uns der Weg durchs Leben so schwerfällt. Diese Frage haben sich auch die Jünger Jesu gestellt. Und Jesus hat ihnen eine einfache Antwort darauf gegeben. Wie hieß es doch noch in unserem Evangelium von heute?
Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Dieser schöne Ausspruch, der auch auf unseren drei neuen Glocken zu finden ist, befreit uns von so vielem und gibt uns die Gewissheit, dass wir immer in Gottes Hand sind. Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben! Die großen Emotionen unseres Lebens lassen uns das Leben spüren – auf vielfältige Weise. Und heute Nachmittag, wenn Deutschland gegen England spielt, dann weiß ich, ich persönlich, als Fußballfan der ich nun mal bin, wieder ein starkes Stück Leben spüren werde und ich bin froh, dass ich dieses starken Moment in einer Gemeinschaft erleben darf.
Als Christ weiß ich aber auch, dass im Ausgang des heutigen Spieles nicht mein Heil verborgen liegt. Und als Christ weiß ich, dass ein starkes Stück Leben nicht nur in den Höhepunkten meines Lebens zu finden ist. Es geht um eine lebendige Beziehung, die mich auch im Alltag trägt. Eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus. Es geht um etwas Bleibendes. Kein temporäres Spiel oder Turnier, kein belangloses Gespräch oder kurz Event, sondern es geht um das Fundament unseres Lebens in allem Vergehen der Zeit. Spiele kommen und gehen. Lebensentwürfe können gebaut und wieder eingerissen werden. Jesus Christus aber sagt: »Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.« So wünsche ich uns allen wunderschöne Momente, wo wir das Leben dankbar spüren können.
Ich wünsche uns aber auch, dass wir dem begegnen können, der nicht nur in den Höhepunkten unseres Lebens da ist, sondern der uns auch durch alle Tiefpunkte unseres Seins hindurch trägt. Die Gottesdienste und Veranstaltungen, auf die dieses »miteinander«
hinweist, sind eine Möglichkeit Ihm zu begegnen. Denn Jesus spricht auch zu uns: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
AMEN
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