Es war der Kirchentag, der das Symbol des Fisches mit einer leichten Veränderung als Logo für den 31. Evangelischen Kirchentag 2007 in Köln verwendete:
Aus dem Fisch wurde ein Haifisch – darunter das
Motto: Lebendig und kräftig und schärfer – Worte, die aus dem heutigen Predigttext stammen – aus Heb. 4 :
12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. Hebr 4,12-13
Dieses Logo und das Motto hatten anfangs starke Kritiker, denn man fragte sich: Kann Kirche mit einem Haifisch werben. Ist es gut, dass so ein Raubfisch zum Symbol eines Kirchentages wird? Nebenbei gesagt:
Diese Kampagne war die erfolgreichste des Kirchentags überhaupt. Kein anderes Logo hat soviel Abnehmer gefunden wie dieses. T-Shirts, Pullover, Aufkleber – alle wollten den Haifisch von Köln.
Aber dennoch nehme ich die Frage der Kritiker von damals auf. Kann Kirche mit einem Haifisch werben?
Oder anders gefragt: Ist das Wort Gottes tatsächlich Lebendig, Kräftig und Schärfer als jedes zweischneidige Schwert, wie es der Predigttext uns heute mitteilt.
Um mich dieser Frage zu widmen, nehme ich die Ereignisse der letzten Woche auf. Der vergangene Mittwoch, an dem Tag als die hannoverische Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden Margot Käßmann zurücktrat, gehört zu meinen traurigsten Tagen in meiner Kirchlichen Laufbahn. Und der damit verbundene Verlust unserer Kirche überhaupt ist kaum wieder gut zu machen. Sie selber sagte dazu:
Am vergangenen Samstagabend habe ich einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue. Aber auch wenn ich ihn bereue, und mir alle Vorwürfe, die in dieser Situation berechtigterweise zu machen sind, immer wieder selbst gemacht habe, kann und will ich nicht darüber hinweg sehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind. Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so wie ich sie hatte. Die harsche Kritik etwa an einem Predigtzitat wie „Nichts ist gut in Afghanistan“ ist nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird.“
Nun, dass das gesprochene Wort einschneidend sein kann, dass hat Margot Käßmann mit Ihrer Neujahrspredigt wohl deutlich gemacht. Und Ihr Rücktritt hat ihr große Gradlinigkeit und tiefe Glaubensüberzeugung gezeigt. Auch wenn ihre Autofahrt unter Alkoholfahrt falsch war, so richtig war es, was sie in ihrer Neujahrsansprache sagte: Darum will ich diese so richtige und wichtige Passage gern noch einmal wieder holen.
Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.
Kirche hat keine politische und staatliche Macht – und das ist auch gut so. Aber Kirche hat die „Autorität der Bitte!“ Und diese Autorität darf sie sich nicht durch Wankelmut oder einer falsch verstandenen Zurückhaltung in politischen und gesellschaftlichen Fragen eindämmen lassen.
Wer kann den die Politik in Afghanistan hinterfragen, wenn nicht eine Bischöfin? Wer kann den Einsatz von Waffen als falsche Friedenslösung ins Gespräch bringen, wenn nicht wir – die Kirche. Und auch einer Demokratie tut es nicht gut, wenn solche kritische Fragen nicht mehr erlaubt sein dürften. Wo kämen wir denn da hin? Wir wollen keine Berlusconi – Staat, der alle Medien und öffentlichen Sprecher kontrollieren möchte. Als Christ habe ich das Recht, vielleicht nicht sogar die Pflicht, die Entscheidungen unserer Regierung zu hinterfragen.
Über 100 Tage ist sie nun im Amt – unsere neue Regierung. Nun steht es mir als Pfarrer nicht zu von der Kanzel Partei-Politik zu machen und so möchte ich auch nicht in den Gesang der Opposition einstimmen, zumal diese auch eklatante Führungsschwächen aufzeigt. Es steht mir aber wohl an, zu bemerken, dass der Start unserer neuen Regierung ein holpriger Start mit vielen Pannen und schlechten Entscheidungen gewesen ist. Ein Außenminister, der sich selbst so sehr in diese Rolle gefällt, dass er dabei kaum merkt, dass sein Auftreten in der Welt mehr als peinlich ist und er nur belächelt wird.
Steuergeschenke an Hotels gepaart mit Partei-Spenden in Millionenhöhe von Hotelinhabern – da braucht man kein Politikwissenschaftler zu sein um den fauligen Geruch dieser Verknüpfung zu riechen. Dazu eine Hartz IV-Debatte, die sowohl in Wortwahl und Schlussfolgerung aller christlichen Werte entgegenspricht.
Muss da Kirche nicht von Ihrer „Autorität der Bitte“ Gebrauch machen und die Stimme erheben – auch auf die Gefahr hin im Haifischbecken gebissen zu werden? Lebendig – kräftig – schärfer – Gottes Wort in diese Welt gesprochen ist kein Nischensport verträumter frommer Gutmenschen, ohne Wirkung auf politische und gesellschaftliche Belange. Gott Wort ist lebendig – kräftig – schärfer.
Doch um in der Welt sich als Christ zu behaupten muss ich mich meiner Identität im Klaren sein.
Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Ist das ganze Leben nur ein Zufall? Worin liegt der Sinn meines Lebens? Ist das, was ich sehe, eigentlich alles? Gibt es etwas, das dahinter liegt? Unsichtbar, nur zu ahnen? Margot Käßmann war eine Frau, die wie keine oder kein anderer dies zu vertreten und zu leben wusste.
Vor bald 2000 Jahren hat sich ein anderer, unbekannter Gelehrter mit genau denselben Fragen auseinandergesetzt. Herausgefordert durch das Leben. Herausgefordert besonders durch das Leben und Sterben des erwählten Retters, Jesus Christus.
Er findet zu eigenen Antworten, zu einem eigenen Glauben, zu einer eigenen Theologie. Und er hat sie in einer Rede aufgeschrieben, die uns in der Bibel, im sogenannten Brief an die Hebräer, überliefert ist. Rätselhaft sind uns heute seine Bilder, fremd. Rätselhaft und geheimnisvoll die Botschaft, die er den Menschen seiner Zeit weitersagen wollte:
Jesus Christus, er ist der auserwählte Sohn Gottes vor aller Zeit. Den Menschen soll er als Retter die Wahrheit bringen. Er musste sterben, um für sich und seine Menschen den Weg frei zu machen in das ewige himmlische Heiligtum. Dort, im himmlischen Heiligtum, ist er unser ewiger himmlischer Hohepriester – der Fürspreche vor Gott – die leibhaftige Autorität der Bitte.
Sein Tod war unausweichlich. Er opferte sich selbst, für die Menschen, zu ihrem Heil. Er bringt den Zugang zu der Welt, die das wirkliche, das wahre Leben birgt. Er bringt den Zugang zur himmlischen Herrlichkeit:
Jesus Christus
Sohn Gottes
Erlöser - um wieder auf das Bild des Fisches zu kommen!
Manchmal braucht es klare Worte, um sich selbst zu finden. Manchmal braucht es eine Klarheit, die wehtut. Damit ich zu unterscheiden lerne zwischen dem, was trägt, und dem, was nicht tragfähig ist im Leben. Den Fisch aufs Auto zu kleben ist eine Sache – danach zu handel die Entscheidende.
Das Wort Gottes ist lebendig, es ist eine wirkende Macht. Es ist lebendig an vielen Orten. Es begegnet überall. Es ist lebendig in den Geschichten und Glaubenszeugnissen der Bibel. Es begegnet mir im Gespräch, im Alltag. Es kann mich ansprechen in Filmen und Büchern, in politischen Reden, Musik und Märchen. Das Wort Gottes. Es wirkt da, wo ich auf der Suche bin, wo ich mich öffne für seine Weite und erfrischende Klarheit. Es schwimmt gegen den Strom und benennt klar das Unrecht. Und: es will mich zur Ruhe führen. Zur inneren Heimat. Und so bin ich auch keine kleine Sprotte, die von der Welt gefressen wird. Ich bin hineingeführt in die Geborgenheit Gottes. Am Ende des Schwimmens gegen den Strom erwartet mich die Ruhe und Liebe unseres Gottes, dem Vater Jesu Christi – die leibhaftige Autorität der Bitte. Drum lasst uns in der Welt bitten.
Lebendig – Kräftig und Schärfer! AMEN
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.