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Predigt über Philipper 2,5-11 am 28. März 2010 (Palmsonntag) in Lassan Liebe Gemeinde, kennen Sie das Märchen vom Fischer und seiner Frau? Da fängt ein Fischer einen Butt, der zu ihm spricht und sagt, er sei ein verwunschener Prinz, er solle ihn wieder schwimmen lassen. Als er das seiner Frau erzählt, wird er ausgeschimpft, weil er sich nichts gewünscht hat. Mit der primitiven Hütte, in der sie wohnen, ist sie nicht zufrieden. Also geht der Mann nochmals an die See und spricht: "Manntje' Manntje, Timpe Te, Als er zurückkommt, sitzt seine Frau vor einer gepflegten und schönen Hütte. So geht das ein paar Tage, dann ist die Frau unzufrieden und schickt ihren Mann wieder los. In einem Schloss will sie wohnen. Auch das bekommt sie. Aber auch das genügt ihr nicht. Als nächstes will sie König werden. Wieder muss der Mann an die See und sagt seinen Spruch. Die See wird von Mal zu Mal dunkler und stürmischer. Als er zurückkommt, ist seine Frau König in einem noch größeren und prächtigeren Schloss. Wie Sie sich denken können, genügt ihr auch das nicht. Als nächstes will sie Kaiser werden. Auch das bekommt sie. Die nächste Stufe ist dann, dass sie Papst werden will. Als sie Papst ist, ist sie auch damit nicht zufrieden: Sie möchte sein wie Gott, die Sonne aufgehen lassen und alles bestimmen. Und was geschieht? Diesmal bekommt sie es nicht: Als ihr Mann zurückkommt, sitzt sie wieder wie am Anfang vor der kleinen Fischerhütte. So endet das Märchen. Da ist jemand, der hoch hinauswill und mit nichts zufrieden ist. Ganz anders ist Jesus: Er will nicht nach oben, er geht den Weg nach unten. Er hält nicht an seinem Besitz und seinen Vorrechten fest, sondern macht sich selbst zum Sklaven. Darüber staunen die ersten Christen. Sie machen ein Lied, einen Hymnus über Jesus, ihren Herrn. Ich lese ihn in einer neueren Übersetzung: Seid unter euch so gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht: Obwohl er in Gottesgestalt war, hielt er das Gottgleichsein nicht fest wie einen Raub, sondern er machte sich selbst arm, und nahm Knechtsgestalt an. Er wurde den Menschen gleich, und der Erscheinung nach erkannt als ein Mensch, er erniedrigte sich selbst, und erzeigte sich gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz. Darum auch hat Gott ihn zur höchsten Höhe erhoben und ihm geschenkt den Namen über alle Namen, damit unter der Anrufung des Namens Jesu jedes Knie sich beuge der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge lobpreisend bekenne: „Herr ist Jesus Christus!“ zur Ehre Gottes des Vaters. (Philipper 2, 5-11, Übersetzung nach Gisela Kittel). Liebe Gemeinde, in diesen Tagen denken wir an das Leiden und Sterben Jesu, an seinen Weg ans Kreuz. In der Bibel wird uns erzählt, wie dieser Weg Jesu im Einzelnen aussieht: Wie er verraten, verhaftet und verhört wird, wie er ausgepeitscht und schließlich gekreuzigt wird. Die Bibelworte, die wir heute miteinander bedenken, betrachten dieses Geschehen aus einem ganz anderen Blickwinkel. Hier geht es nicht um die einzelnen Details und Ereignisse, sondern um so etwas wie eine Gesamtschau. Es ist auch nicht ein Bericht, sondern ein Lied, ein Hymnus, der Jesu Weg als Ganzen in den Blick nimmt. Es ist ein bekannter Text und zugleich einer der schönsten Texte im Neuen Testament – so schön, dass es sich lohnt, ihn auswendig zu lernen. Eigentlich sind diese Worte mehr zum Meditieren, zum Betrachten und Staunen da als zum Erklären. Ich werde trotzdem versuchen, darüber zu predigen. Wahrscheinlich hat Paulus dieses Lied nicht selbst geschrieben. Er verweist hier auf ein Jesus-Lied, das unter den ersten Christen bekannt und verbreitet war. Es kann gut sein, dass auch die Christen in Philippi es schon kannten. 1. So sieht der Weg Jesus aus: Es war ein Weg von oben nach unten: Jesus hält nicht an seiner Göttlichkeit fest. Er gibt seine göttliche Macht und Herrlichkeit auf, um Mensch zu werden – Mensch wie du und ich. Er bleibt nicht in seinem himmlischen Palast und genießt dort die Annehmlichkeiten: die Nähe Gottes, die Bedienung durch die Engel und die himmlischen Gottesdienste. Im Bild gesprochen: Er verlässt sein himmlisches Zuhause, seinen Palast und geht in die Slums, in die Elendsgebiete und Niederungen des menschlichen Lebens. Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering, und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding (EG 27,3). So singen wir es in einem Weihnachtslied. Während wir Menschen meist nach oben streben, ja sogar sein wollen wie Gott, geht Jesus den umgekehrten Weg: den Weg des Verzichts und der Niedrigkeit, den Weg nach unten. Was er bei Gott hat, hält er nicht fest wie einen Raub, wie etwas, das er vor dem Zugriff anderer schützen muss. Was er hat, behält er nicht für sich, sondern teilt es mit andern. Er lässt es los – ohne die Angst, dabei zu kurz zu kommen und etwas zu verlieren. Er wird Mensch, kommt auf die Erde und lebt unter uns. So ist Jesus – so einen Herrn haben wir! Was hier als Bewegung des gesamten Lebens von Jesus geschildert wird, können wir in den Einzelheiten darstellen: Da war der Weg Jesu auf der Erde. So ist er mit Verachteten und Ausgestoßenen umgegangen. Mit dem Zöllner Zachäus, mit dem blinden Bartimäus – ihnen hat er sich zugewendet, sie erfuhren seine Liebe und Hilfe. Jesus lernte auch die Grenzen, Beschränkungen und Versuchungen des menschlichen Lebens kennen. Die Schattenseiten unseres Daseins sind ihm vertraut: Er wird verachtet und ausgestoßen. Er muss Unrecht leiden. Er, der Herr wird Knecht, Sklave. Er geht den Weg ganz nach unten, den Weg des Gehorsams, den Weg bis zum Tod am Kreuz. Das Kreuz war damals noch kein Schmuckstück für Kirchen und Halsketten. Es war ein grausames Hinrichtungsinstrument, das Verbrechern und Sklaven vorbehalten war. Vornehme Römer wollten damit nichts zu tun haben. Das Wort „Kreuz“ soll nicht nur vom Körper eines römischen Bürgers, sondern auch von seinen Gedanken, Augen und Ohren fern sein – so der römische Schriftsteller und Staatsmann Cicero. So stirbt Jesus, der eigentlich zu Gott gehört. Er ist unschuldig – und doch stirbt er den Tod eines Verbrechers. Aber das, was menschlich gesehen ein Weg der Schande ist, das besingen die Christen wenige Jahre später in einem Lied und verkündigen es in aller Welt. Paulus will nichts anderes wissen als Jesus Christus, den Gekreuzigten. Gebildete rümpfen die Nase und Ungebildete schütteln den Kopf – ein Gekreuzigter, einer, der den blutigen Verbrechertod starb – was soll der schon für mich bedeuten? Das hat sich nicht geändert. Bis heute ist das Kreuz Jesu für viele anstößig und ärgerlich. Nicht nur für antike, sondern auch für moderne Menschen ist das Kreuz eine Zumutung. Denken Sie nur an Ihre Nachbarn, die nicht zur Kirche gehören: Wenn denen klar wird, dass wir Christen einen Galgen, ein grausames Hinrichtungsinstrument als Zeichen in unseren Kirchen haben, werden die den Kopf schütteln. Aber für die, die erkennen und anerkennen, dass hier ein anderer für mich gelitten hat, ist es eine Quelle des Lebens. Eine Lebenskraft, weil hier ein Schuldloser für mich, den Schuldigen starb, und ich am Leben bleiben darf. Er war sich nicht zu gut, für mich diesen Weg zu gehen. Er stirbt als Knecht, als Sklave. 2. Jesus geht diesen Weg im Gehorsam. Er, der Sohn Gottes, wird zum Knecht Gottes. Er will nicht herrschen, sondern dienen. Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz (V.8). diese Worte stehen im Zentrum des Liedes. Nach diesen Worten müssen wir erst einmal Luft holen. Da geht es manchmal fast zu schnell weiter. Aber nur wer vom Kreuz redet, kann auch das nächste mitsprechen: darum hat ihn Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist … Das Kreuz steht nicht am Ende. Die Feinde Jesu haben nicht das letzte Wort. Gott hat den Weg Jesu bestätigt. Er hat ihm Recht gegeben. Gott hat Jesus vom Tod auferweckt. Er hat ihn über alle Maßen erhöht. Er hat ihn zum Herrn und König über alle Mächte eingesetzt. Alle werden ihm huldigen: die Himmlischen, die Engel, die Irdischen, die Menschen, und die „Unterirdischen“, die unter der Erde liegen, die Toten. Alle werden am Ende die Knie vor dem beugen, dem Gott den „Namen über alle Namen“ verliehen hat: Seinen eigenen Namen. Alle werden bekennen: Kyrios Jesus – Herr ist Jesus! Da lesen wir manchmal schnell darüber hinweg. Herr ist Jesus! Im Griechischen steht hier kyrios, Herr. Das mehr als nur eine Anrede wie Herr Müller oder Herr Maier. Das ist im Alten Testament der Name für Gott. Dass damit der Name Gottes gemeint ist, deuten manche Bibelübersetzungen dadurch an, dass HERR in Großbuchstaben geschrieben ist. HERR ist Jesus! Das heißt: Er trägt Gottes eigenen Namen. Das ist der „Name über allen Namen“. Und Jesus wird eingesetzt zur königlichen Herrschaft. Seine Herrschaft wird kein Ende haben. Alle werden den anerkennen, der am Kreuz sein Leben gelassen hat. So spannt dieses Lied den Bogen vom Anfang der Welt und Zeit hin zum Ende aller Zeiten. Und in der Mitte steht das Kreuz als Angel- und Wendepunkt der Weltgeschichte. Jesu ganzer Weg geschieht zur Ehre Gottes des Vaters. Über allem, was mit Jesus geschah, wurde Gott verherrlicht. 3. Liebe Gemeinde, was bleibt uns da? Zunächst können wir nur staunen und dankbar sein über diesen Weg Jesu. Über diesen Weg, den er für uns gegangen ist. Das ist das Erste und Wichtigste. Aber es geht auch darum, dass Jesus nun unser Leben prägen kann. Dazu gehört die Frage, woran wir uns im Leben orientieren. Orientieren Sie sich an den anderen, an dem, was die denken und sagen? Orientieren Sie sich an den Medien, an Zeitungen und Zeitschriften, Radio und Fernsehen mit der Frage: Was ist gerade „in“? Oder gehen Sie von sich selber aus, von dem, was Sie für gut und richtig halten, vielleicht auch von dem, was Ihnen am meisten nützt? In Jesus wird uns ein anderes Modell vorgestellt. Da hat einer anders gelebt, als es bei uns üblich ist. Da war einer, der nicht nur an sich selbst gedacht hat. Direkt vor diesem Jesus-Lied ermahnt Paulus die Christen: Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient (V3+4). Wir stehen ständig in der Gefahr, selbstsüchtig und egoistisch zu handeln. Wir wollen oft solche sein, die an der Spitze stehen und andere dirigieren. So wie die Frau im Märchen vom Fischer und seiner Frau. Immer höher will sie hinaus – bis sie am Schluss wieder in ihrer Fischerhütte sitzt. Anders Jesus: Er ist nicht gekommen, um zu herrschen, sondern um zu dienen. Wir jedoch wollen uns gegen andere durchsetzen. Da trifft uns die Ermahnung des Paulus, mit der er das Lied einleitet: Seid unter euch so gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht (V.5). Wir könnten auch sagen: Lebt im Kraftfeld Jesu Christi, lasst ihn und seinen guten Geist in euer Leben, dann werdet ihr verändert! Richtet euch an ihm aus! Von ihm her bekommen wir die Kraft, anders zu werden. Der Blick auf Jesus soll uns aus dem alten Trott herausreißen. Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war. Das heißt: Denkt nicht nur, wie ihr nach oben kommt. Seid endlich Menschen, die dankbar und froh in ihren Grenzen leben. Zusammen mit den anderen, um sie besorgt, um sie ringend und manchmal auch sie ertragend, mit ruhigem Lebens-Gehorsam. Gemeinschaft ist schnell zerstört von solchen, die am Höhenkoller leiden. Das gilt für jede menschliche Gemeinschaft, auch für das Miteinander von Christen in der Gemeinde. Auch da gibt es bisweilen solche, die etwas Besonderes sein wollen. Jesus erwartet nicht von uns, dass wir „Über-Christen“ werden. Er will, dass wir Menschen sind und bleiben, die ihm gehorchen. Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war. Wir haben Angst, zu kurz zu kommen oder das Gesicht zu verlieren. Jesus hat alles losgelassen. Er hat nicht an sich selbst gedacht. Er war sich nicht zu gut dafür, seinen Jüngern die Füße zu waschen. Er tat das, was sonst nur Sklavenarbeit war. Jesus selbst ist uns diesen Weg vorausgegangen. Er hat alles für uns getan. Wo mit ihm leben und ihm gehören, haben wir alles, war zum Leben und Sterben nötig ist. Da haben wir nichts mehr zu verlieren, da können wir loslassen. Liebe Gemeinde, heute und in den nächsten Tagen steht uns Jesu Weg vor Augen. Sein Weg ins Leiden und in den Tod, aber auch seine Auferstehung. Wir können dankbar annehmen, was er für uns getan hat. Wir können ihn darüber loben und uns zu ihm als dem Herrn unseres Lebens und unserer Welt bekennen. Wir können in der Gemeinschaft mit ihm leben, uns an ihm orientieren. So werden wir zu Menschen, die aus seiner Kraft leben und nicht zuerst an sich selbst denken. Amen. Pfr. Dr. Johannes Zimmermann, Greifswald (johannes.zimmermann(at)uni-greifswald.de) |