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Superintendent Dibbern
Liebe Gemeinde,
wir alle haben uns bestimmt schon manchmal gefragt: Wie kommt es eigentlich zu so viel Gewalt und Bosheit ? Wie kann es kommen, dass bisher unbescholtene Menschen Verbrechen begehen? Wie kommt es, dass einzelne Menschen, Gruppen, ja ganze Völker auf einander losgehen, sich beleidigen, beschimpfen, diffamieren, bekämpfen mit Worten und Waffen?
Solche Fragen stellen wir uns nicht erst heute, solche Fragen waren auch schon zu Zeiten Jesu und der Evangelisten und der ersten Generationen von Christen aktuell. ( Wir dürfen nicht vergessen, dass z.B. Matthäus sein Evangelium geschrieben hat, als die damalige Weltmacht Rom den jüdischen Befreiungsaufstand blutig niedergeschlagen hatte.)
Im Matthäusevangelium gibt es ein Gleichnis Jesu, das sich mit der Frage nach Bosheit, nach seiner Herkunft und wie man damit umgehen kann und soll, beschäftigt. Es ist das Gleichnis vom „Unkraut unter dem Weizen“ aus Mt. 13.
Mt. Erzählt ein Gleichnis Jesu weiter, eine anschauliche Geschichte. Ein Landwirt sät Weizen auf seinen Acker. Er macht – das ist vorausgesetzt – alles richtig, nach bestem Wissen und Gewissen. Er hat den Boden bearbeitet und vorbereitet für die Aussaat. Und dann kann er erstmal nichts weiter tun, denn die Saat muss aufgehen, und er kann hoffen auf Sonne und Regen zu seiner Zeit. Doch als die Saat aufgegangen ist und Frucht angesetzt hat, da zeigt sich, dass inmitten des Weizenschlages auch Unkraut gewachsen ist. Wie kann das angehen?, fragen die Landarbeiter ihren Chef. Du hast doch ausgesucht gutes Saatgut ausgesät, zertifiziert und von vertrauenswürdigen Zulieferern. Wie kann ohne dein Zutun dann das Unkraut auf den Acker kommen? Wie über Nacht, unbemerkt, ist es gewachsen inmitten des Weizens !
Liebe Gemeinde, in der Gleichniserzählung taucht, als alle schlafen, also über Nacht, der „Feind“ des Landwirtes auf. Er ist sein Gegenspieler. Dadurch werden Gut und Böse vereinfacht auf zwei Personen verteilt, und die Ursache ist benannt. --- Wir können es uns so einfach nicht machen. Wir können aber feststellen, dass ohne Zutun Unkraut immer auch da ist. Soweit die bildhafte Sprache des Gleichnisses. Woher kommt Gewalt und Egoismus in unserem menschlichen Leben? Woher kommt es, dass die christliche Botschaft von Frieden und Versöhnung nicht allgemein anerkannte Überzeugung ist in unserem Land? Wie können wir uns das erklären, dass Menschen auf Kosten von anderen Menschen leben und reich werden? Woher kommt die kriminelle Energie, die Menschen dazu bringt, anderen Leid zuzufügen oder ihnen das Leben zu nehmen. Gewollt ist das doch nicht! Liebe Gemeinde, das „Böse“ ist wie über Nacht da. Es steckt schon in uns Menschen drin. Und wir haben die Aufgabe, es zu beherrschen und durch Gutes zu überwinden – wie unsere diesjährige Jahreslosung ausdrücklich sagt. Egoismus und Auge um Auge brauchen wir nicht zu lernen. Das können wir immer schon. Und wir haben die Aufgabe, kulturvoll und menschlich miteinander umzugehen. Und es ist nicht so, dass gut und böse fein säuberlich getrennt sind, hier die einen – da die anderen. In uns stecken die Anlagen zu beiden Verhaltensweisen.
Zurück zum Gleichnis: Die Landarbeiter wollen das Unkraut beseitigen. Das wird ihnen verwehrt: „Tut das nicht, denn ihr würdet mit dem Unkraut gleichzeitig den Weizen mit ausreißen bzw. ihn zertreten. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Dann, so heißt es, dann will i c h zu den Schnittern sagen. Sammelt das Unkraut und verbrennt es, und den Weizen sammelt in meine Scheune.“
Was bedeutet dieses Verbot ? Ich glaube, es bedeutet: Man kann das Böse nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten. Totalitäre Regime haben das auf ihre Weise versucht; haben Menschen eingeteilt in lebenswert und lebensunwert, ideologisch verbrämt und mit Rassenwahn unterfüttert, und so wurden unvorstellbare Verbrechen begangen. Aber so weit braucht man gar nicht zu gehen. Auch im zwischenmenschlichen Bereich gibt es gute und schlechte Erfahrungen, da verhalten sich Menschen, die man zu kennen glaubt, plötzlich ganz anders als erwartet. Und sogar in der Kirche herrscht nicht nur Nächstenliebe, sondern auch da gibt es Eitelkeiten und Machtinteressen, und wenn es um Solidarität in Finanzdingen oder den Schutz von Minderheiten geht, sind wir als Kirche nicht gerade immer vorbildlich. Also, weil gut und richtig einerseits und schlecht und falsch nicht so klar voneinander getrennt existieren, wie Weizen und Unkraut, gehört faktisch beides zu unserem Leben hinzu.
Am Schluss der Gleichniserzählung sagt der Hausvater zu seinen Leuten: Wenn die Erntezeit da ist, dann sage I c h zu den Schnittern: Sammelt das Unkraut und verbrennt es, und den Weizen sammelt in die Scheune. Wenn die Welt gerichtet wird, am jüngsten Tage, dann wird Gott Recht von Unrecht scheiden. Wenn wir vor dem Richter der Welt Rechenschaft geben, dann wird e r bewerten und beurteilen. Das bedeutet für mich: Nicht wir sitzen zu Gericht über einander. Nicht wir trennen die Spreu vom Weizen, sondern das bleibt Gott vorbehalten.
Liebe Gemeinde, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, es hat seine Aktualität über die Zeiten behalten. Die Frage, wie das Böse in unsere Welt kommt, wie die gute Schöpfung immer auch gefährdet ist durch menschliches Verhalten, findet ihre Antwort so: Jede gute Sache, jede gute Entscheidung, jedes gute Vorhaben, hat manchmal über Nacht eine dunkle Kehrseite. Was heute als Fortschritt gilt, kann sich schon bald oder auch erst morgen als Problem erweisen. Für mich ist z.B. die Nutzung der Kernenergie so ein besonderes Beispiel. Man kann einerseits damit Energie gewinnen, aber es entsteht hochgiftiger Abfall, der über Jahrtausende strahlt. Und die Kernenergie hat auch zu militärischen Zwecken gedient und Menschen haben damit ungeheure Zerstörung angerichtet. Man kann das Böse nicht einfach ausrotten. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass wir nichts tun sollen. Wir sollen, was an uns ist, mit allen Kräften, mit aller Energie und mit aller Phantasie an der Überwindung des Bösen durch Gutes arbeiten. Aber gleichzeitig sind nicht wir die Herren der Welt und nicht Herren der Geschichte. Sondern wir stehen gemeinsam unter dem Urteil und dem Gericht Gottes. Und wenn sich dann erweisen sollte, dass durch und mit uns etwas mehr Früchte vom Weizen als vom Unkraut gewachsen sind, dann können wir Gott danken. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne bei Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
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