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Pastor Philip Graffam
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde!
Haben Sie Ihre schon gemacht? Die guten Vorsätze meine ich! Oder macht man das heute gar nicht mehr? Ich muß immer ein wenig schmunzeln, wenn jemand mir sagt, er habe sich für das neue Jahr vorgenommen, daß .... Naja, und muß ich aber auch zugeben, daß ich mich immer wieder dabei ertappe, wie ich selber zu mir sage: Ab dem neuen Jahr wird dies aber anders werden. Gerade in diesen Tagen wieder, als ich angefangen hatte, mein Büro aufzuräumen und die persönlichen Dinge zu verpacken. Da fand ich beim Einräumen meines Schreibtisches einige Kontoauszüge und stellte dann fest, daß ich seit fast einem Jahr sie nicht mehr ordentlich abgeheftet habe. Hmm, soll ich jetzt Ordnung da rein bringen?
Ach was. Ab dem neuen Jahr beginne ich neu damit. Ich bin ja gerade umgezogen, habe sowieso ein neues Konto und dann geht das gleich sein ordentlichen Gang!
Hatte ich letztes Jahr nicht auch schon so ähnliches gesagt?
Was hatte ich denn noch alles so vorgenommen, letztes Jahr zu Sylvester? Ich fange an Bilanz zu ziehen.
Welche Hoffnungen waren am Anfang des jetzt zu ende gehenden Jahres erwacht und dann vielleicht wieder gestorben? Was hatten wir, Liebe Gemeinde, für uns persönlich, für unsere Familien, für unseren Ort, für unser Land, ja vielleicht sogar für die ganze Welt erwartet? Was wollte wir durch gute Vorsätze dazu besteuern?
„Gute Vorsätze sind Schecks, auf eine Bank ausgestellt, auf der wir kein Konto haben.“ hat Oskar Wilde einmal gesagt.
Manches Unvorhergesehene ist im vergangenen Jahr auf uns zugekommen, hat Pläne durchkreuzt oder neue Wege geöffnet. Nichts ist wirklich unverändert geblieben in unserem Leben. Ständig wird etwas neu und anderes wiederum vergeht.
Der Jahreswechsel führt uns vor Augen, wie wir dem Werden und Vergehen angehören. Das Alte vergeht, das Neue beginnt. Was aber ist denn Beständig? Oder ist nur der Wechsel an sich das einzig Beständige?
Das vor uns liegende und das hinter uns liegende Jahr; was wir in der Familie erreicht haben und was uns versagt blieb; die Zukunft unserer Gemeinde, unseres Ortes und unseres Landes - niemand kann es uns abnehmen, daß wir mit eigenen Augen sehen, was da wirklich war und was da in Zukunft für uns möglich ist. Was wir dazu beitragen können, um die Probleme unserer Umgebung zu verändern.
Wir können nie das Ganze überblicken, aber wir können uns ihm mit einer bestimmten Sichtweise nähern. Und wir sind Christen. Und Christen haben das Recht und die Pflicht, die Dinge mit den Augen Gottes zu sehen; wir haben so Partei zu ergreifen, Gottes Partei.
Kann man sich festlegen? z.B., sagen, daß die Lage der Menschheit eh hoffnungslos ist - und sich dann zurückziehen auf das eigene private kleine Glück? Nein, das können wir nicht, denn wie bereits gesagt, sehen wir nur einen Teil des Ganzen und haben nicht das Recht so zu urteilen.
Wer kann einen Menschen auf seine Probleme im Umgang mit seinen Mitmenschen festlegen und sagen: der oder die kommt nie mit jemanden zurecht - wo er doch niemals den ganzen Menschen kennen kann. Und so wird vielleicht eine andere Möglichkeit übersehen und blockiert.
Wer sich selbst oder einen anderen oder irgendeine Lage auf eine Sicht festlegt, der macht sich zum Richter und Herrn und schneidet damit Lebensmöglichkeiten ab.
Ich glaube, daß die Sichtweise Gottes da sehr viel helfen kann, und wir sollen ja alles auf dieser Welt und erst recht jeden Menschen mit den Augen Gottes sehen. Unser eigenes kritisches Urteil wird immer nur einen Teil des Ganzen entdecken. Erst mit den Augen Gottes sehen wir, entdecken wir an dem vor uns Liegenden das, was Gott damit vorhat.
Aber gerade das ist ja so schwer. Mit den Augen Gottes sehen, wenn wir selber gar nicht Gott sind – obwohl ich immer wieder selbstgerechten Menschen begegne, wo ich das Gefühl habe, sie seien Gott. Vielleicht kann uns der Text des Paulus helfen, der der heutige Predigttext ist. Er steht im 8. Kapitel des Römerbriefes.
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? 33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. 34 Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. 35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? 36 wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« 37 Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.
Paulus stellt viele Fragen, aber sie sind so gestellt, daß sie nur eine Antwort zulassen. So kann allein ein Mensch reden, der alles erlebt und durchlitten hat, was er da aufzählt. Daß Paulus weiß, wovon er spricht, erkennt man daran, daß er die Dunkelheiten dieses Lebens beim Namen nennt und feststellt, daß uns nichts von der Liebe Gottes scheiden kann, die in Jesus offenbar wurde.
Es ist Gewißheit, die aus diesen Worten zu spüren ist. Er redet von Halt und Geborgenheit, weil er sich auf alle Unsicherheit des Lebens eingelassen hatte und in die Dunkelheiten hineinging.
Wie ein Liebeslied eines Menschen hört er sich an, der Liebe erst dadurch kennenlernt, daß er sich als betroffener Partner den besonderen Möglichkeiten, Spannungen und Risiken einer solchen Beziehung aussetzt.
In diesen Worten liegt eine Gewißheit, die nicht kaufbar ist und uns im buchstäblichen Sinne nichts in die Hände gibt. Wir stehen vor Gott mit offenen, leeren Händen, und dennoch ist unser Leben erfüllt. Gott mag uns, und davon kann uns nichts trennen. Weil das so ist, können wir auch versuchen, immer das Ganze zu sehen.
Dann sehen wir vielleicht den verschlossenen seltsamen Nachbar oder seine scheinbare Angeberei; und wir sehen dahinter die Furcht, unbedeutend und ungeliebt zu sein und seine Angst, den vielen Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein. Dann sehen wir vielleicht den letzten harten Streit in einem anderen Zusammenhang und erkennen, es war doch nur der Moment, der mich so in Rage brachte.
Natürlich ist der Versuch das Ganze zu sehen immer ein Ringen um Wahrheit.
In der Legende von Robin Hood begegnen sich Robin und Little John auf einer schmalen Brücke und keiner will nachgeben und den anderen vorbei lassen. Am Ende stößt Little John den sonst so siegesgewohnten Robin von der Brücke, hilft ihm dann aber wieder auf die Beine und die beiden werden die besten Freunde.
Mag das Bild auch nur begrenzt hilfreich sein, aber so ähnlich kann unser Miteinander aussehen.
Wo gerungen wird, müssen mindestens zwei zupacken. Doch dieses Ringen ist kein Machtkampf, im Sinne von: Der Stärkere ringt den Schwächeren nieder – und es muss bei diesem Ringen auch keinen Sieger geben.
Es ist vielmehr das Ringen um Wahrhaftigkeit. Das Ringen aus den Situationen das Beste zu machen. – das Ringen um Segen.
So wird das, was vor uns liegt, mitbestimmt durch die Art, wie wir es sehen und wie sehr wir bereit sind, darum zu ringen. So können wir auch Zukunft gestalten.
Was das vergehende Jahr uns an Freuden und Leid gebracht hat, das haben wir wahrscheinlich noch nicht alles verarbeitet. Was kommt nun im neuen Jahr auf mich zu?
Vielleicht können wir in dieser Frage ja ein kleines Wort ändern und die Frage neu stellen: Wer kommt im neuen Jahr auf mich zu!
Gott kommt in dem Messias Jesus auf dich zu, so wie er auch im vergangen Jahr auf dich zugekommen ist.
Denn meine Zeit, liegt in seinen Händen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen
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