Predigt mit 1. Kor 1,18-25 - 5. Sonntag nach Trinitatis

Pastor Philip Graffam

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

der Predigttext von Heute wirft ein ernstes Thema auf. Haben wir eben noch „Geh aus mein Herz“ gesungen, so wird es nun dunkler. Doch hören Sie selbst: Paulus schreibt in seinem 1. Brief an die Korinther im 1. Kapitel:

 

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft. 19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« 20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. 22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, 23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; 24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

 

Paul Gerhard hat die Schönheit der Natur Gottes besungen und uns durch seine unglaublich schöne Melodie ein Teil von dieser Schönheit werden lassen. Aber gerade weil das so ist kommen wir heute schreckliche Bilder vor Augen. Ich denke gerade an eine der größten Unwelt-Katastrophen. An die Ölpest im Golf von Mexiko.

Das große Wissen der Menschen um Technik, Mechanik und Metallverarbeitung haben nicht ausgereicht. Man glaubte alle Sicherheitsvorkehrungen eingebaut und bedacht zu haben - und dennoch ist es geschehen – ein unglaublicher Schaden – wirtschaftliche und umweltzerstörende Folgen, die wir jetzt noch nicht ermessen könne. Viele Fragen sind gestellt worden. Immerwiede müssen die Experten heran, um die Technik noch sicherer zu machen, damit so etwas nicht mehr passiert. Spätestens seit dem Untergang der Titanic, weiß der Mensch eigentlich, daß er die Gewalten der Natur durch all sein Wissen und Forschen nicht unter die totale Kontrolle bringen kann. Und dennoch ist er weiterhin bemüht, dieses zu erreichen und uns dieses immer wieder zu versprechen. Die letzte Sicherheit kann er allerdings nicht erreichen - ein Restrisiko bleibt. Die Katastrophe läßt die Experten ins Schwitzen kommen - ein Umweltschützer versuchen die Vögel, die Strände zu retten. Selbstlos ist ihr Verhalten, erstaunlich diese Kraft.

Der Glaube an die Technik und die Allmacht der Wissenschaft endet immer dann, wenn die Grenzen davon erreicht worden sind. Ein Unglück zeigt uns auf sehr schmerzliche Weise, wo die Grenzen der Wissenschaft und Technik, wo unsere Grenzen sind.

Paulus weist im Text von heute darauf hin, daß der Glaube an Gott und an die Erlösung durch Jesus Christus genau da beginnt, wo nach menschlichem Ermessen das Ende erreicht worden ist. Das Christentum gründet sich merkwürdiger Weise auf den Moment hin, da man eigentlich davon ausgehen müßte, daß es zu Ende sei. Am Kreuz. Jesus, der das Heil bringen sollte ist tot. Unser Glaube beginnt genau dort, wo Atheisten meinen, daß er zu Ende sein müsse. Unser Glaube beginnt in jener Härte und Nacht, die Nacht des Kreuzes, der Verlassenheit, der Anfechtung und des Zweifels an allem ist, was es gibt!

Der Glaube beginnt dort, wo die Welt den Tod gesetzt hat.

Paulus schreibt uns, daß die Weisheit der Menschen ein Torheit vor Gott ist, denn die Weisheit der Menschen vertraut allzu oft auf das, was Menschen ausmacht - ihre Stärke, ihr Erfolg, ihr Wissen. Doch mit der „Weisheit dieser Welt“ nach Gott zu fragen ist ein schwieriges Unternehmen. Die Weisheit unserer modernen Welt wird zunehmend von naturwissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Denken geprägt. In diesem Denken bleibt - so kommt es mir manchmal vor - für die Frage nach Gott kein Raum. 

Naturwissenschaftlich gesehen ist das Kreuz in der Tat eine Torheit, eine Dummheit - wie Paulus es von den Griechen sagt - denn menschliches Wissen sagt uns, daß das Kreuz und der Tod Jesu Christi ein Schlußpunkt unter eine gutgemeinte, aber dennoch nicht erfolgreiche Bewegung von damals gesetzt haben müsse. Aus dem Verstand heraus kann man das Kreuz nicht erfassen. Jesus ist Tot.

Und aus dem jüdischen Glauben an den einen Gott heraus, kann das Kreuz auch nur ein Ärgernis sein, denn der Glaube der Juden ist ein Weg, den die Juden bei der Suche nach Gott einschlagen. Ihnen geht es mehr um Erfahrung, als um Erkenntnis. Die Juden sind die großen Spurensucher Gottes und sie brauchen Zeichen. Zeichen wie bei der Errettung aus Ägypten: den Weg durchs Schilfmeer, den die Israeliten trockenen Fußes hinter sich brachten, während die verfolgenden ägyptischen Truppen in den Fluten umkamen.

Ich denke, wir selbst tun es den Juden oft gleich. Wie oft kommt mir der Gedanke, daß auch ich ein echtes Wunder - ein Zeichen Gottes erleben und erfahren möchte.

Bei dem Unglück im Golf von Mexiko sehen wir ein negatives Beispiel dafür, daß es Gott vielleicht nicht geben kann, hätte es dieses doch sonst nicht zugelassen.

Ja, wie Menschen such nach Zeichen für die Macht Gottes. Und unser Fragen und unser Suchen ist berechtigt, zeigt es doch immerhin, daß wir uns für Gott interesieren. Warum, Lieber Gott, lässt du das Loch nicht versigen?

     „Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit....“ beides sind Wege, die auch wir beschreiten, wenn wir Antworten suchen auf unsere Frage nach Gott und beides sind durchaus Wege, die es wert sind, gegangen zu werden.

Aber durch Suchen und Fragen, so sehr wir uns dabei auch anstrengen, kommen wir doch nicht ans Ziel. Unsere Gelehrsamkeit, Klugheit und Weisheit sind keine Voraussetzung, Gott nahe zu kommen, allerdings auch kein Hindernis.

Denn nicht wir sind es, die mit unserem Suchen und Fragen Gott finden. Gott selbst ist es vielmehr, der uns entgegentritt und sich von uns finden lassen will, gerade da, wo wir ihn nicht vermuten. Und nicht nur im Golf von Mexiko, sondern auch an andren Orten, wo Katastrophen und schreckliche Unglücke geschehen. Vielleicht finden wir Gott gerade dort.

Vielleicht auch in vielen selbstlosen, freiwilligen Helfern bei Katastrophen und Unglücken weltweit, die gegen alle Vernunft, obwohl der Kampf aussichtslos erscheint, Erstehilfe am Ort leisten. Sie stellen ihr eigenes Leiden beseite, um für andere da zu sein.

 

Und dennoch - das Kreuz Christi bleibt uns als ein Ärgernis und als eine Torheit immer vor Augen, denn es zeigt uns immer wieder, daß das Leiden und die Not in unsere Lebenswirklichkeit gehört. Und es zeigt uns, daß wir es uns gefallen lassen müssen, daß der Weg zur Freiheit nicht in uns selbst allein liegt. „Wir aber predigen den gekreuzigten Christus“, behauptet Paulus und faßt damit den Inhalt unseres Glaubens in einer knappen Formel zusammen. Diese Formel ist aber eine ganze Geschichte. Eine Geschichte der Liebe, die uns erzählt wird von einem, der in armseligen Verhätlnissen geboren wurde. Der die ganze Last des Daseins trug, der versucht wurde, angefochten war und doch sein Vertrauen in Gott nicht verlor.

Die Predigt vom Gekreuzigten Christus wird als Geschichte der Liebe gehört und wird somit zur Kraft - zu einer göttlichen Kraft, die das eigene Leben neu bestimmt. Eine Kraft die einem Halt geben kann, im Alltag und an besonderen Tagen. Wer sich hineinstellen läßt in die Geschichte der Liebe, dem fließt vielmehr die Kraft Gottes zu. Sie zeigt sich nicht nur in der Fähigkeit, das eigene Leben in seiner Unvollkommenheit, seiner Verletzlichkeit, seiner Banalität und Flüchtigkeit auszuhalten und zu akzeptieren, mehr noch: es dankbar entgegenzunehmen und zu genießen.

Wer durch die Predigt vom gekreuzigten Christus zum Glauben gerufen wird, der wird die Möglichkeit erfahren, über sich selbst hinauszuwachsen - auf andere zu und er wird so die Geschichte der Liebe weiterschreiben. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus - für Paulus und für uns hört diese Geschichte nicht am Karfreitag auf. Wir hören sie weiter als Höffnungsgeschichte von der Kraft der Liebe, die den Tod in seine Schranken weist. Denn wenn Gott selbst den Tod nicht scheut, wenn er selbst im Tod anzutreffen ist, dann verlieren alle Katastrophen, dann verliert selbst der Tod seinen Schrecken.

 

Jesus ist tot - gestorben am Kreuz - gestorben für mich und für dich, damit wir Kraft zum Leben haben. Jesus lebt. Und das ist die Freude der aufgehenden Sonne – unsere schönste Zier: Amen