Predigt mit Matthäus 24, 1-24 - 2. Advent

Pastor Philip Graffam

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

Zweimal durfte ich sie miterleben – die Geburt meiner Kinder. Und ich kann mich noch gut daran erinnern. An diese Zeit des Wartens. An diese anderen Umstände. „Ich bin guter Hoffnung, oder ich bin in anderen Umständen“, so nannte man das früher und das meint mehr als die gelegentliche Lust auf Schokolade und Essiggurken.

In anderen Umständen sein, das drückt aus, dass das wirklich eine ganz besondere Zeit ist, die Zeit des Wartens auf die Geburt, auf die Ankunft des Kindes. Viele schwangere Frauen sind in dieser Zeit besonders aufmerksam und sensibel in Bezug auf sich und auf ihre Mit- und Umwelt. Sie hören in ihren Körper hinein, achten auf die Kindsbewegungen, fühlen, ob sich irgendetwas verändert. Und sie schauen, wo eventuell Gefahren drohen für das Ungeborene und für sich, wenn etwa das Getümmel von Menschenansammlungen so groß ist oder die Musik zu laut. Ich kenne Frauen, die weinen mussten, wenn sie in dieser Zeit in den Nachrichten Bilder sahen von leidenden Kindern in den Kriegs- und Hungergebieten dieser Erde. Die Verantwortung für das ungeborene Kind macht schwangere Frauen aufmerksam, sensibel und wachsam. Es sind wirklich ganz besondere Umstände, wenn sich Frauen und Männer, Freunde und Familien auf die Geburt eines Kindes vorbereiten.

In diesen vier Adventswochen begleiten wir in den Gottesdiensten und zu Hause auch eine junge schwangere Frau und einen Mann, eine Frau in guter Hoffnung und in anderen Umständen, in ganz besonderen Umständen. Wir begleiten Maria, die den Sohn Gottes unter ihrem Herzen trägt und einer unsicheren Zukunft entgegenblickt. Wir erinnern uns aber nicht nur an diese Schwangerschaft Marias, sondern wir bereiten uns selbst darauf vor, dass der Sohn Gottes in unsere Welt kommt. Wir alle sind quasi in anderen Umständen in diesen Adventswochen:

Das Haus, die Wohnung muss geputzt werden, das Fest und das Essen will vorbereitet sein, die großen Hilfsaktionen der Kirchen wie Brot für die Welt machen uns aufmerksam auf die Nöte in der Welt. Und bei aller Hektik und auch wenn das viele verneinen: sie ist doch da, die Sehnsucht nach einem neuen Leben, nach diesem Jesuskind, die Sehnsucht nach Friede und Freude, nach Liebe und Zärtlichkeit. Der Evangelist Matthäus beschreibt im heutigen Predigttext auch eine Zeit der besonderen Umstände, eine Zeit des Wartens, des Wartens auf die Ankunft Christi. Und er hat dabei auch eine schwangere Frau vor Augen, wenn er diese Zeit des Wartens mit der Zeit der ersten Wehen vergleicht.

 

Und Jesus ging aus dem Tempel fort, und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. 2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde. 3 Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? 4 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, daß euch nicht jemand verführe. 5 Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. 6 Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muß so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. 7 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. 8 Das alles aber ist der Anfang der Wehen. 9 Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehaßt werden um meines Namens willen von allen Völkern. 10 Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. 11 Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. 12 Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. 13 Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. 14 Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

 

Dieser Text reißt uns heraus aus aller vorweihnachtlichen Idylle, die Realität holt uns ein: wir hören von Krieg und Hass, von Hungersnot, von Ungerechtigkeit und erkalteter Liebe. Ich denke, Ihnen geht es wie mir: Ich habe Bilder dazu vor Augen aus Haiti und aus Afghanistan, aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Wir sind mitten drin in diesen Umständen, die für Matthäus erst am Anfang der Wehen stehen. Für die ersten Leser oder Hörer dieses Evangeliums war die Welt viel kleiner, aber sie fühlten sich angesprochen, ihre Realität hat Matthäus wiedergegeben, er hat ihre besonderen Umstände beim Namen genannt. Die ersten Christen wurden verfolgt und kriminalisiert. Sie standen seit der politischen Hinrichtung Jesu am Kreuz unter dem Verdacht aufrührerischer Gedanken und Taten.

Der Eintritt in die Gemeinschaft der Christen bedeutete für die Neugetauften, dass sie Freundschaften aufgaben, die Familie sich abwandte und der soziale Status verloren ging. Sie waren arm, benachteiligt und ausgegrenzt. Nichts hatte mehr Bestand, sogar der Tempel, dieses imponierende Gebäude aus Stein, die Mitte des Volkes, der Ort der Gegenwart Gottes, dieser Tempel soll Stein für Stein zerbrechen. Was Matthäus hier von Gewalt und Hass, von Verrat, Hungersnot und Bedrängnis auch innerhalb der Gemeinde schreibt, das mussten viele am eigenen Leib erfahren. Und sie hofften auf bessere Zeiten, auf einen gerechten Ausgleich und sie fragten sich, wann das sein würde, wann das Reich Gottes endlich anbrechen würde und ihre Leidenszeit vorbei wäre.

Jesus nennt keinen Zeitpunkt, als die Jünger ihn fragen. Fast nüchtern, ohne zu lamentieren, beschreibt er, wie Christen zu leben und zu leiden haben, er ordnet die persönlichen Drangsale ein in das Leiden der Menschheit, der Natur und der ganzen Erde. Und so, wie die ersten Wehen bei einer Geburt harmlos sind im Gegensatz zu denen, die noch kommen, bis ein Kind endlich geboren ist, so wird auch die Not, der Hass und die Gewalt noch zunehmen. Doch die Christen sind diesen besonderen Umständen nicht hilflos ausgeliefert. Wie eine schwangere Frau sich aufmerksam und sensibel auf die Geburt vorbereitet, guter Hoffnung ist, dann Wehen veratmet und verarbeitet, so ermutigt auch Matthäus die leidenden Christen: Seht genau hin, seid beharrlich, liebt einander und predigt das Evangelium!

Lebt in der Erwartung auf das Kommende. Jesus nennt den Jüngern keinen Zeitpunkt, und so leben wir bis heute in diesen besonderen Umständen und in guter Hoffnung. Bis heute versuchen wir, ob als Einzelne oder in der Gemeinde, als Christen jeden Tag zu leben und wir hoffen zugleich darauf, dass eines Tages ein neuer Himmel und eine neue Erde sein wird.

Geht es uns manchmal nicht genauso  - so wie den ersten Christen? Auch wir stehen den Naturkatastrophen, den Erdbeben oder dem Hochwasser, hilflos gegenüber. Und es vergeht keine Nachrichtensendung, in der uns nicht von einem Kriegsschauplatz berichtet wird. Oder haben wir nicht auch oft das Gefühl, dass gerade unsere Lebenswelt hier in Lassan immer wieder in Frage gestellt wird? Weil man uns so viel genommen hat, was uns einmal lieb und teuer war? Geändert hat sich allerdings die Situation der Christen in der westlichen Welt; für viele Christen in Teilen Asiens oder aus den islamischen Staaten ist die Verfolgung, wie Matthäus sie beschreibt, allerdings immer noch bittere Realität. Wir leben hier in einer christlich geprägten Gesellschaft, doch wird es immer schwerer, dass wir uns Gehör verschaffen bei den drängenden gesellschaftlichen Fragen. Und Konflikte innerhalb unserer Kirchen und Gemeinden sind ja auch an der Tagesordnung. Wir haben zu geringe Mitgliederzahlen, werden oft nicht ernst genommen oder gar verlacht. Dazu kommt, dass die sozialen Probleme größer werden und unübersehbar drücken.

Aber auch unter uns: Es wird hintenherum geredet, Gruppen werden ausgegrenzt und Menschen zutiefst verletzt.

Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen in unserer Gemeinde die Hoffnung aufgegeben haben, sich an die Umstände gewöhnt haben und resigniert sagen: „Heute ist das eben so! Da kann man nichts machen!“ Ihnen und uns allen will der Predigttext heute Mut machen, wieder in guter Hoffnung zu leben. Seht genau hin, sagt Jesus zu uns. Benennt das Unrecht beim Namen, legt den Finger in die Wunden. Seht genau hin, klagt es Gott - aber hört auf zu jammern, wie schlecht es allen geht! Seht genau hin, aber verfallt nicht in Selbstmitleid und Tatenlosigkeit. Und gerade wenn es heute eben so ist, gerade dann brauchen wir den Mut des heutigen Predigtextes.

Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Das verheißt uns Christus. Beharrlich sein, nicht umfallen oder sich drehen wie ein Fähnchen im Wind. Dazu brauche ich einen langen Atem und die Gemeinschaft der anderen und mit Gott, um mir immer wieder neue Kraft zu holen, damit ich standhaft bleiben kann. Denn die Gefahr ist da, dass die Liebe in vielen erkaltet, weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, so Matthäus.

Für uns heißt das umgekehrt: Übt euch in Nächstenliebe! Kümmert euch um die Kranken und Armen, die Gefangenen und die Fremden in der Erinnerung an das Jesuswort, das Matthäus uns nur wenige Kapitel später überliefert: Was ihr einem meiner geringsten Brüder (und ich ergänze: einer meiner geringsten Schwestern), getan habt, das habt ihr mir getan. Und noch etwas gehört dazu, sagt Jesus, um in guter Hoffnung unter diesen besonderen Umständen zu leben: Es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich und dann wird das Ende kommen! Wir dürfen uns nicht hinter dicken Kirchenmauern verstecken, sondern müssen in die Welt gehen um zu predigen, um die frohe Botschaft weiterzusagen.

Adventlich leben, guter Hoffnung sein trotz aller Wehen, das heißt doch, dass wir aktiv sind in diesem Geschehen, mitgestalten und verändern und nicht regungslos verharren und auf das Ende warten.

Adventlich leben, guter Hoffnung sein trotz aller Wehen, das heißt doch, dass wir aufmerksam sind, was um uns herum geschieht. Dass wir die Einsamkeit erkennen und uns gegenseitig besuchen. Dass wir die Nöte erkennen und uns gegenseitig fragen: Wie geht es Dir? Dass wir den Mut haben zu sagen: Es wäre schön, wenn gerade Du wieder zu unserer Kirchgemeinde gehörst. Das wir Engpässe aushalten und sagen: Ich reiche Dir die Hand! All das heißt: Adventlich leben, in guter Hoffnung sein. AMEN