Predigt mit 1. Johannes 4,16b-21 - 1. Sonntag nach Trinitatis

Pastor Philip Graffam 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

Liebe, Love, Amour – egal in welcher Sprache wir es auch hören, es gibt kein Wort, keine Beschreibung eines tiefen Gefühls, dass in Liedern, Gedichten und Briefen so oft verwendet, so oft beschrieben,  so oft besungen,  so oft vermisst oder ersehnt wurde, wie das Phänomen Liebe.

Ja- schon fast inflationär erscheint einem dieses Wort. Ob im billigen Schlager oder im tiefsinnigen Gedicht – so viele sprechen von Liebe. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Lena mit ihrem Lied Satellite so viel Erfolg beim Grandprix hatte, besingt sie doch auch die Liebe, - wie heißt es doch im Refrain:

Love, oh, Love
I gotta tell you how I feel about you. Cause I, oh, I
Can't go a minute without your love. Like a satellite I'm in an orbit all the way around you
And I would fall out into the night. Can't go a minute without your love

Liebe, oh, Liebe – ich muss dir sagen wie ich über dich empfinde. Weil ich keine Minute ohne dich sein kann. Wie ein Satellit im Orbit kreise ich ständig um Dich und ich würde in die Nacht fallen, sollte ich eine Minute ohne Deine Liebe sein.

 

Liebe, immer wieder Liebe. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Bibel dieses Wort nicht nur kennt, sondern als einen der Wesenszüge Gottes beschreibt. Ja mehr noch:

Gott ist die Liebe! Es sind tolle Sätze, die wir in der Epistellesung gehört haben. Worte voll wunderbarer Wärme. Das ist ein Liebesbrief der trägt. Da schreibt einer, der etwas von Liebe verstanden hat. Und der viel über Gott weiß. Der Verfasser dieses Briefes weiß auch viel über das, was wir Menschen brauchen. Liebe – ganz klar. Danach sehnen wir uns – immer wieder. Darum wird sie ja so oft besungen, beschrieben, erhofft und zugesprochen – die Liebe.

Natürlich sollten wir uns darüber klar werden, was Liebe wirklich ist. Der berühmte Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief – den man bei einer Taufe, einer Konfirmation – ja bestimmt auch bei einer Trauung so gerne hört, bringt das so viel genutzte Wort Liebe in eine unauflösliche Verbindung zu Gott. Es tut gut, sie noch einmal zu hören:

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Gott ist die Liebe!, steht da – und zwar ohne Wenn und Aber. Also hat meine Liebe zu einem Menschen mit Gott zu tun, wie auch immer.

Umgekehrt heißt das: Wenn ich einen Menschen leibe oder zu lieben meine, dann darf ich meine Liebe und den anderen Menschen nicht von Gott trennen. Wie immer ich mit ihm umgehe – Gott ist nahe. Und wo Gott nahe ist, ist manchmal auch ein Kreuz nicht fern. Passt das Jetzt? Das Kreuz? Dazu fällt mir eine Karikatur ein, die ich kürzlich gesehen habe.

Ein Man, eher klein und unscheinbar, steht neben einer schönen, etwas mächtiger erscheinenden Frau – also – er steht dort und sagt: „Ich will, dass du glücklich bist“ worauf die Frau antwortet: „Immer nur ich will, ich will!“ Er meinte es wirklich gut. Ja, in seiner Liebe zu ihr ist es sein sehnlichster Wunsch, dass sie glücklich ist. „Ich will, dass du glücklich bist!“ Doch sie hört zu wenig. Sie hört nur die ersten beiden Wort – ich will – und sagt dann sinngemäß: Es geht immer nur um dich.

Meinen, hören, sagen, angeblich gesagt haben, nicht empfunden haben usw. – an allen diesen angeblichen Kleinigkeiten entzünden sich oft lodernde Feuer unter unseren Dächern. Immer geht es schnell um alles oder nichts. Und oft entzünden sie diese lodernde Feuer an ganz banalen Dingen des Alltags. „Das Ei ist hart“ sagt er und sie kontert mit: „Du liebst mich nicht mehr!“ Sie hat den ganzen Tag auf ihn gewartet und wollte den Abend so romantisch mit ihm verbringen, doch leider hatte sie vergessen, dass an diesem Abend Deutschland spielt und er seine Kumpels mitbringt.

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Das mit der Liebe kann auch ein Kreuz sein. Liebe, also Hingabe an einen anderen Menschen, kann auch zum Kreuz werden. Der andere/die andere ist und bleibt eben anders. Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse lassen sich nicht immer auf einen Nenner bringen. Manches oder vieles erfüllt sich nicht. Darunter leiden Menschen – an sich selbst und aneinander – wie unter einem Kreuz. Das gehört einfach dazu. Das trifft nicht nur die einen, sondern auch die anderen und noch weitere Paare, Familien, Beziehungen, die sich Liebe versprochen haben.

Zur Liebe gehören Enttäuschungen. Das macht den Wert der Liebe aber nicht kleiner und macht Liebe schon gar nicht überflüssig. Zur Liebe gehört Gott. Immer. Auch wenn ich ihn oft kaum sehen kann. Ich kann ja wissen, dass er nahe ist. Und wenn ich weiß, werde ich auch beginnen, ihn zu suchen und zu erkennen. Er ist der, der immer zu mir sagt: Gib nicht zu schnell auf. Nimm die Enttäuschung hin, versuche dann einen anderen Weg. Nimm deine Hingabe und deine Verantwortung nicht einfach und nicht zu schnell zurück. Oft wächst etwas Neues. Mach es dir nicht zu leicht mit der Liebe. Wer sich die Liebe auch schwer sein lässt mit allen Fasern des Herzens, kann viel gewinnen. Natürlich kann man nicht immer und nicht alles aushalten, aber schnell hinwerfen muss man die Liebe auch nicht. Zumal an einem anderen Ufer oft nichts besser wird. Man nimmt sich ja dahin mit. Das Kreuz, also die Hingabe und die Verantwortung, ist ja ein Zeichen des Lebens. Manches muss ertragen sein, bis die Dunkelheit endlich schwindet. Wer Hingabe mit Leib und Seele ernst nimmt, wird auch Hingabe erfahren. Dafür hat sich Gott verbürgt. Für immer und ewig. Damals, an seinem Kreuz: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Und der Fried Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, AMEN.