Predigt über 1. Timotheus 2,1-6

Predigttext: 1. Timotheus 2,1-6a

1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. 3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, 4 welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. 5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.

Liebe Gemeinde, bei den Christen hierzulande, insbesondere beim Gottesdienst kann man leicht den Eindruck gewinnen, es gehe um wenige. Dass die Glocken läuten und dass Gottesdienst ist, scheint nur wenige zu betreffen. Nur wenige lassen sich rufen, nur wenige sind es, die Gottesdienst miteinander feiern. Nur wenige sind es, denen der Glaube wichtig ist, nur wenige, bei denen im Alltag etwas davon zu sehen und zu spüren ist, dass sie sich zu Jesus bekennen. Insgesamt sieht es an vielen Orten so aus, als sei der christliche Glaube nur etwas für wenige.

Genau das Gegenteil müssen wir uns sagen lassen: Beim Christsein geht es nicht um wenige, es geht um alle. Auch beim Gottesdienst. Es geht um Gott, der allen Menschen das Leben gegeben hat und will, dass alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Es geht um Jesus, der sein Leben für alle in den Tod gegeben hat. Und der christlichen Gemeinde ist es aufgetragen, für alle Menschen zu beten. Beim Christsein geht es nicht nur um wenige, sondern um alle. Was im Gottesdienst geschieht, betrifft nicht nur wenige, sondern alle. Das Wort, das sich wie ein roter Faden durch den Predigttext zieht, ist das Wort alle: Das Gebet für Menschen, Gott, der will, dass gerettet werden.

Doch eins nach dem andern der Reihe nach. Dass die Christen wenige sind, das war auch in der Anfangszeit der Christenheit so. Kleine Gemeinden versammelten sich. Meist waren es nicht viele, und die, die sich versammelten, waren nicht die Vornehmen und Angesehenen. Es waren eher die kleinen Leute. Kleine Gruppen und Gemeinden stehen in der Gefahr, dass sie sich nur um sich selbst drehen und mit sich selbst beschäftigen. Dazu kommt noch, dass die Christen es damals nicht leicht hatten, weil sie anders lebten als die Masse. Das fiel auf. Sie gingen anders miteinander um. Argwöhnisch beobachteten die anderen, wie da eine neue Glaubensrichtung entstand. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Christen selbst. Da kann es leicht dazu kommen, dass es auch beim Beten vor allem um eigene Anliegen geht: Um Bewahrung, um Kraft, um Gesundheit, für die Menschen, die einem nahestehen. Das ist grundsätzlich in Ordnung. Aber wenn das alles ist, ist es zu wenig. Wenn eine Gemeinde auch im Gebet nur an sich selbst denkt, hat sie Ermahnung nötig, und die bekommt sie auch:

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen. Für alle Menschen. Sicher auch für die, die uns nahestehen, für unsere Lieben. Aber nicht nur für sie. Auch für die andern, auch für die, die uns nicht ganz so nahestehen. Für die, von denen wir in den Nachrichten hören: Für die Menschen in Griechenland, die ihren Gürtel enger schnallen müssen. Für die, die im Süden der USA von der Ölpest betroffen sind. Für die, die in China von den Grubeneinstürzen betroffen sind. Wer nur ein wenig Nachrichten hört, hat genügend Anliegen zum Gebet. Aber dann gibt es noch die, die nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Die Menschen, von denen nie in den Nachrichten zu hören ist und die genauso unsere Fürbitte brauchen: Menschen, die Not leiden, die einsam sind, die am Leben verzweifeln, die gescheitert sind, die schuldig geworden sind. Solche Menschen gibt es überall auf der Welt, auch in unserer Nähe. Gerade sie brauchen unser Gebet.

Eine Gruppe von Menschen wir dann besonders hervorgehoben beim Gebet für alle Menschen: das heißt: für alle in maßgeblichen Stellungen. Schon wieder das Wort alle. Es geht um alle, die Verantwortung tragen in unserer Gesellschaft, für alle, denen andere Menschen anvertraut sind. Haben Sie sich schon einmal überlegt, was einem Chefarzt, einem Polizei­kommissar, einem Fabrikbesitzer, einer Erzieherin schlaflose Stunden in der Nacht macht? Können Sie für diese Menschen beten?

Es ist leicht, über „die da oben“ zu schimpfen. Was sie falsch machen, wissen alle, darüber wird an jedem Stammtisch geredet. Aber würden wir es wirklich besser machen? Sehen wir die Mühe, die sie sich geben, die Last, die sie tragen? Vor allen Dingen, vor allem Reden über andere sollte daher das Gebet stehen.

Für die Christen damals muss das eine besondere Zumutung und Zuspitzung gewesen sein. Das hieß ja, auch für die zu beten, von denen einen ständige Bedrohung ausging. Auch für die zu beten, die den Christen nicht wohlgesonnen waren. Auch für die zu beten, die Übles im Sinn hatten und das oft genug auch in die Tat umsetzten. Das war noch vor wenigen Jahren hier hoch aktuell: Damals bedeutete das, auch für die Leute von der Partei zu beten, ja selbst für die von der Stasi. Auch für sie zu beten – das heißt aber auch: Ihre Macht ist begrenzt. Da ist einer, der über ihnen steht. Einer, von dem sie nichts wissen wollen und der dennoch ihre Geschicke lenkt. So schwierig die Situation für Christen sein mag: Gott sitzt im Regiment. Auch die, die ihn leugnen, müssen sich seiner Herrschaft fügen. Sie können den Christen nicht mehr zufügen, als Gott zulässt. Am Ende werden sie vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. 

Dabei spielt es auch keine Rolle, ob die Herrschenden davon wissen oder ob sie Wert darauf legen, dass für sie gebetet wird. Wir können dankbar sein, wo Regierende uns Christen dazu auffordern, für sie zu beten. Das Gebet für alle ist uns aufgetragen. Dass es Menschen gibt, die beten, dass es eine Gemeinde gibt, die diese Welt mit ihren Freuden und Nöten vor Gott bringt, kommt der ganzen Welt zugute. Es geht nicht darum, andere beherrschen zu wollen. Unsere Verantwortung als Christen ist es, für andere zu beten.

Nochmals: Im Gebet geht es um alle, nicht nur um uns selbst. Dass die Regierenden ihre Sache gut machen, dass ein Staat, ein Gemeinwesen funktioniert, das ist auch im Interesse der Christen. Mehr noch: Christen brauchen Freiheit, ihren Glauben leben zu können. Deshalb beten wir darum, dass Gott uns diese Freiheit schenkt und erhält. Wir beten für die Regierenden, damit die christliche Gemeinde den Raum hat, sich entfalten zu können. Dass sie den Raum hat, gute Werke zu tun. So wird es im Brief an Timotheus formuliert. Das klingt ein wenig nach Biedermeier und Beschaulichkeit. Aber darum geht es nicht. Es geht zunächst um die Bitte, dass die christliche Gemeinde nicht unterdrückt wird. Es geht dann darum, dass sie ihren Dienst tun kann – auch den Dienst für andere Menschen. Auch den wichtigsten Dienst, anderen von dem Gott weiterzusagen, der will, dass alle gerettet werden. Der wichtige und unersetzliche Dienst der Mission braucht Freiheit. Das ist im Gebet für die Regierenden eingeschlossen.

Liebe Gemeinde, damit sind wir nochmals einen großen Schritt. Bisher waren wir beim Gebet. Beim Gebet für alle. Jetzt kommt die Begründung dafür. Uns ist das Gebet für alle Menschen aufgetragen, weil Gott der Gott aller Menschen ist. Weil er alle erschaffen hat. Und weil er will, dass keiner verloren geht, sondern alle gerettet werden, alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Unser Gebet für andere endet nicht damit, dass es den andern gut gehen möge. Das auch. Unser Gebet endet nicht damit, dass die Regierenden ihre Sache gut machen mögen. Das auch. Unser Gebet zielt darauf, dass sie dem lebendigen Gott begegnen. Wir beten nicht nur dafür, dass die Regierenden die Christen in Ruhe lassen, sondern dass sie selbst zum lebendigen Gott umkehren. Weil Gott will, dass alle die Wahrheit erkennen, darum kann und soll das auch unser Gebet sein. Wir beten dafür, dass Menschen die Wahrheit erkennen. Menschen, die bisher in der Lüge gelebt haben und sich etwas vorgemacht haben. Für Menschen, die nicht wahrhaben wollen, dass ein Gott da ist. Oder für solche, die zwar eine Ahnung von Gott haben, aber dem lebendigen Gott noch nicht begegnet sind. Das bitten wir für die, die uns nahe stehen. Das bitten wir für die, die uns das Leben schwer machen. Das bitten wir für die, die Verantwortung ausüben. Das bitten wir, weil es Gottes Wille ist. Weil Gott Gutes für sie will, ihre Rettung.

Vorhin habe ich gefragt, ob wir wirklich wissen, was die bewegt, die die Last der Verantwortung tragen, ob wir wirklich wissen, was sie brauchen. Oftmals wissen wir es nicht. An einer Stelle wissen wir es doch. An einer Stelle wissen wir, was wir für sie beten können. Wir können und sollen dafür beten, dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Gott will, dass ihnen geholfen wird. Im Griechischen steht hier: Gott will, dass sie gerettet werden. Es geht um Rettung, weil sie ohne Gott verloren sind.

Auch wenn es nur wenige sind, die das tun: Es geht um alle. Auch wenn die Christen in der Minderheit sind: Sie übernehmen sich damit nicht. Sie maßen sich nicht zu viel an, wenn sie an alle denken und alle in ihr Gebet einbeziehen. Wenn Sie die gute Nachricht von Jesus allen weitergeben. Sie tun das, was ihr Auftrag und ihre Berufung ist. Gott ist der Gott aller Menschen. Nicht nur der Gott für wenige. Nicht nur der Gott für die, die schon an ihn glauben.

Was wir so im Gebet vor Gott bringen, das soll auch unser Leben und unser Reden bestimmen. Wo wir für andere Menschen beten, da können sie uns nicht gleichgültig sein. Da wird unsere Begegnung mit ihnen verändert. Die Begegnung mit denen, die uns bisher gleichgültig waren. Die Begegnung mit denen, die wir nicht mögen. Gott will Gutes für sie. Gott will, dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Wenn das so ist, muss ich mich schon fragen, ob es angemessen ist, andern gegenüber Groll zu hegen oder gar Böses zu wünschen.

Gott wünscht ihnen nicht nur Gutes. Seine Liebe, seine Zuwendung kennt keine Grenzen. Das zeigt Gott in Jesus. Jesus hat sich gegeben für alle zur Erlösung. Nicht nur für ein paar Fromme. Nicht nur für die, die in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen sind. Nicht nur für die, die regelmäßig in den Gottesdienst kommen. Nicht nur für Wenige, sondern für alle. Da beweist Gott, dass es nicht nur gute Wünsche sind, die er für die Menschen hegt. Da zeigt er, dass es ihm ernst ist mit seiner Liebe. Da zeigt er unüberbietbar, dass er das Beste für alle will. Jesus ist der eine Mittler, der eine, durch den wir Menschen Zugang zu Gott haben. Und der eine, in dem Gott zu uns kommt, durch den wir Gewisses über Gott erfahren können. Der eine, der uns zu Gott führt. Wir brauchen nicht länger ohne Gott zu leben. Das ist die Rettung: Jesus zu begegnen und in ihm Zugang zu Gott zu finden. Das ist die Rettung für uns – und die Rettung für alle Menschen.

Damit kommen wir wieder zum Anfang: Weil Gottes Liebe keine Schranken kennt, daher kennt auch das Gebet keine Schranken. Es kennt keine Schranken, weil es uns aufgetragen ist, alle Menschen vor Gott zu bringen. Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Dazu gehört die Bitte für diese Menschen in jeder Hinsicht. Manchmal auch die Klage, wo sie uns das Leben schwer machen. Dann aber auch der Dank: Der Dank für die Menschen, durch die uns Gott Gutes zukommen lässt. Der Dank für Eltern, für Kinder, für Nachbarn, für den Ehepartner, für die Gemeinde und den Pfarrer, der Dank auch für alle, die sich für uns mühen: Für Ärzte und Krankenschwestern, für Gemeinderäte und Gemeindekirchenräte, für Bürgermeister und Landrätin, für den Ministerpräsidenten und sein Kabinett, für die Bundesregierung, für alle, die sich um Arbeitsplätze mühen, für Lehrer und Professoren im Bildungswesen, für Richter und Anwälte, für die Leute bei der Zeitung, beim Rundfunk und Fernsehen und für viele andere mehr. Sie alle und noch viele andere mehr können wir für Gott bringen. In Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung.

Liebe Gemeinde, mir haben diese Bibelworte wieder neu gezeigt, wie wichtig das Gebet ist und Mut zum Gebet gemacht.

Das Gebet ersetzt keine Tat, aber es ist eine Tat, die durch nichts ersetzt werden kann. Es ist der unersetzliche und unverwechselbare Beitrag von uns Christen für diese Welt. Auch dann, wenn wir nur wenige sind. Es geht um alle, weil Gott der Gott aller Menschen ist.  

Lied: EG 72, 1-6 O Jesu Christe, wahres Licht

Pfr. Dr. Johannes Zimmermann (johannes.zimmermann@uni-greifswald.de)